„Ab in die Schulbibliothek!“

01.02.2016 | Von Kathrin Amrein-Juon | Benutzung | Bestand | Leseförderung | Organisation | Raum und Infrastruktur | Bibliothek und Schule

Was eine gute Schulbibliothek ausmacht.

Von Kathrin Amrein-Juon
Kathrin Amrein-Juon ist Primarlehrerin und Bibliothekarin. Sie ist für das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM tätig und gibt ihr Wissen und ihre Erfahrung in den Bereichen „Zusammenarbeit Bibliothek und Schule“ und „Informations-kompetenz“ in Weiterbildungs-angeboten an Bibliothekarinnen und Bibliothekare sowie Lehrpersonen weiter.
Dass man sich schon vor Jahren bewusst war, wie wichtig Schulbibliotheken für die mediale und sprachliche Entwicklung der Kinder sind, zeigt sich in den beiden folgenden Thesen im Schulbibliotheksmanifest der UNESCO, welches im Jahr 1999 verabschiedet wurde:
 
  • Die Schulbibliotheken sind von hervorragender Bedeutung für jede langfristige Strategie zur Förderung der Lese- und Rechtschreibfähigkeiten, der Bildung, der Informationsbeschaffung und der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung.
     
  • Die Schulbibliothek stellt Informationen und Ideen zur Verfügung, die grundlegend für ein erfolgreiches Arbeiten in der heutigen informations- und wissensbasierten Gesellschaft sind. Die Schulbibliothek vermittelt den Schülern die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen, entwickelt die Phantasie und befähigt sie so zu einem Leben als verantwortungsbewusste Bürger."
(aus: Das Schulbibliotheksmanifest der UNESCO: www.ifla.org/en/publications/iflaunesco-school-
library-manifesto-1999
)
 
Die „ideale Schulbibliothek“ kann man sich so vorstellen: Sie liegt zentral im Schulhaus, am idealsten im Parterre, direkt beim Eingang. Sie nutzt die Fenster gegen aussen oder innen für immer wieder wechselnde Präsentationen des Bestandes, die auch von Schüler/-innen gestaltet werden. Die Schulbibliothek wird von einer ausgebildeten Bibliothekarin geführt, in enger Zusammenarbeit mit einer Lehrperson, die die Schule vertritt und auch Empfehlungen aller Lehrpersonen in die Bibliothek trägt. Die Schulbibliothek ist der ideale Ort nicht "nur" zum Lesen, sondern auch zum Forschen, Recherchieren, Schreiben, Faulenzen, Hören, Schauen, Beobachten, Kommunizieren, Diskutieren, Spielen und mehr. Im Idealfall sind in der Schulbibliothek auch die Eltern  mit allenfalls jüngeren Kindern gern gesehen, bzw. sie können entweder über das eingeschriebene Kind oder auch selber Medien ausleihen. Alle Eltern werden in die Schulbibliothek eingeführt. Bei Kindergarteneintritt wird ein Elternabend in der Schulbibliothek durchgeführt. Die Schulbibliothekarin arbeitet eng mit der Gemeindebibliothek zusammen oder ist auch dort angestellt.

 
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Die Medienvielfalt und die Medienanzahl dieser grösseren Bibliotheken kann eine Schulbibliothek in diesem Masse nicht bieten. Die grosse Auswahl an Medien, das Vorhandensein von Lesefutter und die räumliche Grösse soll für die Kinder der Anreiz sein, den Weg in die nächst grössere Bibliothek zu "wagen". In der idealen Schulbibliothek sind auch immer Kinder als Vermittler/-innen von geeigneten Medien für die Peers und als feste Mitarbeiter/-innen bei der Medienauswahl tätig und in der Bibliothek sichtbar, zum Beispiel mit Ausstellungen (Beispiel in Deutschland: Lesescouts). Es gibt genügend Raum für Unterricht, es kann in Gruppen oder mit der ganzen Klasse gearbeitet werden. Zudem stehen genügend Computerarbeitsplätze, bzw. Tablets für Recherchearbeiten zur Verfügung.
 
Diese und weitere Kennzeichen einer guten Schulbibliothek sind in den folgenden Thesen zusammengefasst:


 „Die gute Schulbibliothek“: 10 Thesen

  1. In jeder (grösseren) Schule gibt es eine Schulbibliothek.
  1. Die Schüler/-innen kennen die Schulbibliothek UND die öffentliche Bibliothek und haben dort ab Schuleintritt eine Benutzungsberechtigung.
  1. Die Schüler/-innen können mit der gleichen Bibliotheks-Karte in den beiden Bibliotheken Medien ausleihen.
  1. Die Medien der Schulbibliothek sind im gleichen Katalog wie die der öffentlichen Bibliothek verzeichnet.
  1. Die Schulbibliothek wird von einer Bibliothekarin der öffentlichen Bibliothek professionell unterstützt oder geführt.
  1. Die pädagogische Leitung der Schulbibliothek liegt bei einer Lehrperson. Diese arbeitet eng mit der Bibliothekarin der öffentlichen Bibliothek zusammen.
  1. Die Lehrpersonen und Schüler/-innen haben ein grosses Mitspracherecht beim Medieneinkauf.
  1. Die Schüler/-innen sind jede Woche mindestens 2x in der Bibliothek, sei es im Unterricht oder in der Freizeit.
  1. Freiwillige Schüler/-innen arbeiten in der Bibliothek mit. (Ausleihe, Medieneinkauf, Ordnung, Ausstellungen, Führungen und Lesungen für Jüngere, etc.
  1. Die Eltern kennen die Schulbibliothek und deren Angebot.

Um ihrer wichtigen und vielfältigen Aufgabe nachkommen zu können, benötigen die Schulbibliotheken nicht nur finanzielle sondern auch fachliche Unterstützung. In den vergangenen Jahren wurden auf nationaler und kantonaler Ebene wertvolle Grundlagen für die Bibliotheksarbeit ausgearbeitet. Allerdings sind diese in der Regel in den Schulbibliotheken weniger bekannt als bei den öffentlichen Bibliotheken. Das hat u.a. damit zu tun, dass die Schulbibliotheken in zahlreichen Kantonen nicht zentral erfasst sind, und daher auch nicht angeschrieben und mit Informationen versorgt werden können. Das zeigt sich z.B. im Kanton Zürich: Ausser in der Stadt Zürich gibt es keinen Überblick über die Schulbibliotheken im Kanton. Daher kennen die Schulbibliothekarinnen und Schulbibliothekare häufig die Fachstelle Bibliotheken nicht und wissen deshalb auch nicht, dass sie da sehr viel Know-how und Antworten auf brennende Fragen abholen könnten.
 
Im Kanton St. Gallen werden die Volksschulbibliotheken gar als  „... weitgehend terra incognita und terra incolita – unbekannte und unbebaute Erde“ beschrieben. (Cornel Dora, "Das neue Bibliotheksgesetz des Kantons St. Gallen. Ein Impuls für die schweizerische Bibliotheksgesetzgebung". LIBREAS. Library Ideas, 22 (2013) / http://libreas.eu/ausgabe22/03dora.htm). Ganz anders im Kanton Bern, wo man auf bibliobe.ch sämtliche Schulbibliotheken des Kantons findet. Auf den Seiten der einzelnen Bibliotheken sind zwar abgesehen von der Adresse meistens keine weiteren Informationen zu finden, diese erlaubt es aber immerhin, die Bibliothek mit Informationen zu versorgen!
 
Kathrin Amrein-Juon

(Illustrationen: www.bischu.zh.ch)

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