Wer den Aufbau von Informationskompetenz unterstützen will, muss selber informationskompetent sein

20.08.2012 | Von Karsten Schuldt | Benutzung | Personal | Aus- und Weiterbildung | Informationskompetenz | Medienkompetenz | Schule und Bibliothek

Ein Plädoyer für die Weiterbildung

Von Karsten Schuldt
Karsten Schuldt, Bibliotheks-wissenschaftler. 2010-2011 Interdisziplinäres Zentrum für Bildungsforschung, Humboldt Universität zu Berlin, seit 2012 Schweizerisches Institut für Informations-wissenschaft, HTW Chur. Redakteur der LIBREAS. Library Ideas. Promotion (2009) zu Bildungseffekten Öffentlichen Bibliotheken, Forschungen u.a. zu Schulbibliotheken und sozialen Aufgaben Öffentlicher Bibliotheken.
Kompetenz ist ein komplexes Konzept. Es beschreibt ein anwendungsbereites und reflektiertes Wissen, welches von den einzelnen Lernenden selber aufgebaut wird. Es geht nicht nur darum, zu wissen, wie etwas funktioniert oder wie etwas benutzt werden kann. Vielmehr soll den kompetenten Personen bekannt sein, warum etwas wie funktioniert; die Personen sollen in der Lage sein, entscheiden zu können, wann sie etwas wie und wofür benutzen können. Nicht zuletzt sollen sie in der Lage sein, eigenständig die Weiterentwicklungen auf dem Feld, das mit Kompetenz umschrieben wird, nachzuvollziehen.
 
Bezogen auf Informationen bedeutet dies, dass informationskompetente Menschen wissen, wie Informationen entstehen, wie diese wofür benutzt werden können, was sie möglich machen und was nicht. Hinzu kommt die Beherrschung der technischen Hilfsmittel, mit denen Informationen erstellt, bearbeitet, durchsucht, dargestellt und genutzt werden. Das ist alles nicht trivial. Es wird sogar noch komplexer: Kompetenz ist ein pädagogisches Konzept, bei dem davon ausgegangen wird, dass die Lernenden ihr Wissen selber aufbauen und sie dabei nur unterstützt und begleitet werden können.
 
Lernende dabei zu unterstützen, Informationskompetenz aufzubauen, ist eine Aufgabe, die ernst genommen werden muss. Eine Bibliothek, die dies tun will, muss die Grenzen ihrer eigenen Möglichkeiten kennen. Wer beispielsweise Lernende nur einmalig mit einer Veranstaltung erreichen kann, kann nicht wirklich davon sprechen, Informationskompetenz zu vermitteln, denn das ist immer ein längerfristiger Prozess.
 
Zugleich müssen die Bibliothekarinnen und Bibliothekare verstehen, was Informationskompetenz bedeutet. Oder anders: Wer den Aufbau von Informationskompetenz unterstützen will, muss selber informationskompetent sein.
 
Wie wird man informationskompetent?
Manchmal wird davon ausgegangen, dass der Erwerb und die Vermittlung von Informationskompetenz in Bibliotheken quasi automatisch erfolgen, weil in der Bibliothek mit Informationen umgegangen wird. Aber: Es geht nicht nur um Kataloge und Recherchen in Datenbanken, es geht darum, kritisch mit Informationen umgehen und sie selbstbestimmt nutzen zu können.
 
Kurz zusammengefasst einige Möglichkeiten, im bibliothekarischen Alltag Informationskompetenz aufzubauen:
 
(1) Häufiger Umgang mit Informationen. Kompetenz wird vor allem durch ständiges Ausprobieren, Anwenden und darüber Nachdenken erworben. Das ist einerseits banal, wird aber gerne vergessen. Genauso, wie jemand, der etwas über Lyrik lehren will, selber Lyrik lesen sollte, oder jemand die etwas über kochen vermitteln will, selber kochen können sollte, muss jemand aktiv mit Informationen umgehen, der oder die etwas über Informationskompetenz erzählt.
 
(2) Dies bezieht sich auch auf die Technik. Informationskompetenz ist heute eng mit der Nutzung von Technik verbunden. Nicht-elektronische Quelle werden für wenig komplexe Informationen immer weniger benutzt, zumal sie immer schneller veraltet sind und die Qualität (der richtigen) elektronischen Quellen nicht mehr geringer ist. Dass bedeutet, dass man losgehen, sich technische Geräte besorgen und mit ihnen arbeiten muss. Und zwar immer wieder auch mit Neuem. Wenn möglich nicht nur mit einem Betriebssystem, mit einem Programm für eine Aufgabe, mit einem Smartphone, mit einem Rechner, sondern mit möglichst vielen. Man muss die Geräte ja nicht unbedingt alle kaufen.
 
(3) Wissen, wie Informationen genutzt werden. Personen, die vor allem Kinder und Jugendliche beim Aufbau von Informationskompetenz unterstützen wollen, müssen sich mit der realen Bedeutung von Informationen bei Kindern und Jugendlichen auskennen. Dieses Wissen holt man sich einerseits bei Kindern und Jugendlichen selber und andererseits in der entsprechenden Fachliteratur. Beiträge in der Tagespresse sollten mit kritischer Distanz gelesen werden, da sie oft nur bestehende Vorurteile zementieren. Ein Beispiel: Weit verbreitet ist die Annahme, Jugendliche und Kinder würden heutzutage alles Mögliche im Netz posten und sich keine Sorgen um den Schutz ihrer persönlichen Daten machen. Auf dieser Behauptung bauen zahlreiche Berichte auf. Nur: Quasi jede empirische Studie kommt zu einem anderen Ergebnis. Kinder und Jugendliche haben, wenn sie befragt werden, ein grosses Interesse daran, ihre persönlichen Informationen zu schützen. Nicht immer wissen sie, wie. Nicht immer haben sie die gleiche Vorstellung davon, was dies heisst, wie andere Generationen. Aber gerade das ist der relevante Unterschied, der darüber bestimmt, ob man Kinder und Jugendliche unterstützen kann, informationskompetent zu werden – oder ihnen nur das erzählt, was sie schon längst wissen.
 
(4) Ständig reflektieren. Der Begriff Kompetenz ist mit der Diskussion um Lebenslanges Lernen direkt verbunden. Kompetenz bedeutet, dass man auf einem Gebiet immer weiter lernt und über seine eigenen Verhaltensweisen nachdenkt. Auch dies muss aktiv geschehen in Weiterbildungen, internen Workshops, in ruhigen Stunden.
 
(5) Pädagogisch denken. Eine letzte Notwendigkeit: Wer den Aufbau von Kompetenzen unterstützen will, muss pädagogisch denken, nicht unbedingt bibliothekarisch. Man muss wissen, wie Kinder und Jugendlich lernen und Wissen herstellen. Und man muss Lernprozesse planen können, nicht nur einzelne Veranstaltungen. Eine solche Langfristigkeit ist vor allem dann zu erreichen, wenn sie in enger Zusammenarbeit mit Schulen und Kindertagesstätten geschehen.
 
Wo soll das Wissen herkommen?
Die Informationen, die man benötigt, um selber informationskompetent zu werden, sind nicht schwer zu finden. Ein guter Ausgangspunkt ist das Portal www.informationskompetenz.ch, das zudem Schwesterprojekte in fast jedem europäischen Land hat. Informationen zur Internetnutzung findet man z.B auf Firstmonday (http://firstmonday.org/), wo monatlich Studien zur Internetnutzung publiziert werden (allerdings englischsprachig). Auch eine regelmässige Datenbankrecherche (bei Google Scholar oder Microsoft Academic Search) nach Literatur zur Internetnutzung ist sinnvoll. Über diese Quellen werden immer auch thematisch relevante Texte in Zeitschriften und Monographien sichtbar. Grundsätzlich befassen sich fast alle bibliothekarischen Zeitschriften (z.B. die SAB-Info-CLP, BuB, Büchereiperspektiven, INTRECDI) und viele auf die pädagogische Praxis orientierte Zeitschriften regelmässig mit Fragen der Informationskompetenz, wenn auch im pädagogischen Bereich zumeist in einer anderen Terminologie (z.B. Informationsnutzung von Jugendlichen).
 
Karsten Schuldt
karsten.schuldt@htwchur.ch
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