«Lebende Bücher»: Das Veranstaltungsformat Living Library in der Bibliothek Münstergasse

14.11.2025 | Von Simone Lauber | Aus den Bibliotheken | Bibliotheksanlässe| Kooperationen| Partnerorganisationen| Zusammenarbeit | Bibliothek Münstergasse

In einer Zeit, in der Informationen jederzeit digital abrufbar sind, gewinnt das persönliche Gespräch wieder an Bedeutung. Bibliotheken entdecken dabei zunehmend ein Format für sich, das die Begegnung zwischen Menschen in den Mittelpunkt stellt: die Living Library, oder auf Deutsch, die Lebende Bibliothek.

Von Simone Lauber
Simoner Lauber studierte von 2005 bis 2010 Germanistik und Psychologie an der Universität Bern. Anschliessend absolvierte sie ein Praktikum an der UB Bern und gleichzeitig den MAS Informationswissen- schaft an der HTW Chur (2010–2012). Danach war sie als stellvertretende Leiterin und später als Leiterin an der Sportmediathek Magglingen (Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen) tätig (2012–Dezember 2021). Seit Dezember 2021 arbeitet sie wieder an der UB Bern im Kundendienst der Bibliothek Münstergasse.
Es handelt sich dabei nicht um einen fixen Ort, sondern um eine öffentliche Veranstaltung. Statt Bücher werden hier Menschen «ausgeliehen» – und das «Lesen» geschieht im Gespräch (Riebeling, 20min, 2023).

Entstehung
Die Idee zur Living Library stammt von der dänische Jugendinitiative «Stoppt Gewalt». Am Musikfestival Roskilde führte sie im Jahr 2000 die erste «Menneske Biblioteket» («Menschliche Bibliothek») durch, mit grossem Erfolg. Weitere Festivals folgten, bis das Konzept 2003 als Teil des vom Europarat geförderten Jugendprogramms weiterentwickelt wurde. In über 60 Ländern wurden seither erfolgreich Living Libraries organisiert. (Rasch & Unterholzner, 2015).

Prinzip
In einer Living Library können Besucherinnen und Besucher in einer kleinen Gruppe oder einzeln eine Person als «lebendes Buch» für eine begrenzte Zeit (klassischerweise 30 Minuten) «ausleihen». Diese «Bücher» erzählen aus ihrem Leben, geben Einblicke in ihre Erfahrungen, Identitäten oder Berufe. Sie sind meist Vertretende verschiedener Personengruppen, welche oft mit Vorurteilen, Diskriminierung oder Stigmatisierung konfrontiert sind (Little, 2011). So entsteht für die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich mit Menschen auszutauschen, mit denen sie sonst nicht oder nur erschwert in Kontakt träten. Die Living Library fordert auf, sich ein eigenes Bild des Gegenübers zu machen. Das Gespräch basiert auf gegenseitigem Respekt, Offenheit und Neugier.

Typische «Buchtitel» lauten etwa:
  • «Ich bin gehörlos – frag mich alles!»
  • «Transfrau in der Provinz»
  • «Leben mit ADHS»
Bibliotheken als ideale Gastgeberinnen
Bibliotheken bieten für Living Libraries einen idealen Rahmen: Sie sind neutrale, vertrauenswürdige Orte, die Vielfalt, Bildung und Begegnung fördern. In der Umsetzung können Bibliotheken das Format unterschiedlich gestalten – als einmalige Veranstaltung, Themenreihe oder Teil eines Diversity-Programms. Besonders erfolgreich sind Kooperationen mit lokalen Vereinen, Schulen oder Sozialdiensten.

Die Living Library in der Bibliothek Münstergasse
Der Service Civil International (SCI) Schweiz organisiert seit 2014 Living Libraries in der ganzen Schweiz (scich.org, 2025). Austragungsorte können Schulen, Firmen, NGOs oder Events sein.

2023 führte der SCI in Zusammenarbeit mit der Fachstelle für Gleichstellung in Geschlechterfragen der Stadt Bern eine Living Library zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT) durch. Austragungswort war die Bibliothek Münstergasse (Teilbibliothek der UB Bern). 6 «lebendige Bücher» teilten ihre persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierung.
 
Der Event verlief für alle Beteiligten sehr zufriedenstellend, dadurch erfolgte im Folgejahr eine weitere Anfrage durch den SCI Schweiz für eine weitere Living Library in der Bibliothek Münstergasse, in Zusammenarbeit mit der Abteilung Chancengleichheit der Universität Bern im Rahmen der Aktionswoche gegen Rassismus. 4 «Bücher» gaben Einblicke darin, wie es sich anfühlt, Rassismus ausgesetzt zu sein.
 
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Living Library zu Antirassismus in der Bibliothek Münstergasse,
im Vordergrund ein Büchertisch zum Thema (Foto: Bibliothek Münstergasse)
 
Im Jahr 2024 übernahm die Arbeitsgruppe (AG) Nachhaltige Entwicklung der UB Bern die Zuständigkeit sowie Organisation eines Living Library-Formats in der Lounge. Dazu fragte sie ihrerseits den SCI Schweiz um eine erneute Kooperation für eine Living Library im Bereich Klimakrise an, anlässlich der Berner Nachhaltigkeitstage. Die «Bücher» waren hierbei: eine Aktivistin beim Klimastreik Bern, eine Vertreterin des Staatsforstbetriebs Bern sowie zwei Forschende der Universität Bern.

Für 2025 plante die AG Nachhaltige Entwicklung eigenständig eine weitere Living Library, zum Thema «Wohnen (in) der Zukunft». Diese findet am 5. November auch wieder in der Lounge der Bibliothek Münstergasse statt, bei den «Büchern» findet sich eine Mischung aus Bewohner*innen gemeinschaftlicher Wohnprojekte und Expert*innen aus Architektur, Pflanzenwissenschaften und Psychologie.

Somit wurde dieses erfolgreiche Format in den beiden letzten Durchführungen in der Hinsicht verändert, dass auch Wissenschaftler*innen als «Bücher» vertreten waren und Einblick in ihre eigene Arbeit gaben. Auch der Themenfokus wurde stärker auf den Bereich Nachhaltigkeit gelenkt.
 
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Living Library zur Klimakrise in der Lounge (Foto: Bibliothek Münstergasse)

Eine Living Library in der Bibliothek Münstergasse folgt gewöhnlich diesem Ablauf: Nach einer Anmoderation folgen 2 Gesprächsrunden à 30 Minuten, nach einer Pause mit Apéro eine weitere Runde.

Zu einem «Buch» können sich 5-6 Teilnehmende an einen Tisch setzen; eine Gesprächsrunde dauert 30 Minuten. Die verbindlichen Gesprächsregeln werden den Besuchenden zu Beginn kommuniziert:
  • Beim Thema bleiben
  • Zuhören und ausreden lassen
  • Privatsphäre wahren
  • Die Bücher entscheiden (nicht alles muss beantwortet werden)
  • Respektvoller Umgang
Ein Apéro zur Halbzeit dient der Stärkung und dem Austausch. An einigen Living Libraries konnten die Besuchenden ein Stimmungsbarometer zum entsprechenden Thema ausfüllen. Dieses Jahr werden Steckbriefe zu den «Büchern» aufgehängt, die Teilnehmenden können sich so einen Überblick verschaffen und erhalten diese auch als Booklet zum Mitnehmen.
 
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Barometer an der Living Library zur Klimakrise
(Foto: Bibliothek Münstergasse)

Ein Gewinn für die Bibliothek und die Gesellschaft
Durch eine Living Library wird eine Bibliothek nicht nur zum Ort der Wissensvermittlung, sondern auch zur Plattform für gesellschaftlichen Dialog.

Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass die Wirkung oft über den Veranstaltungstag hinausgeht: Viele Teilnehmende berichten von nachhaltigen Denkanstössen. Auch für die «Bücher» bringt die Living Library einen positiven Effekt: Sie werden als Person, als Individuum wahrgenommen und reflektieren sich selbst (Riebeling, 20min, 2023).

Für Bibliothekar*innen bedeutet das Format auch eine neue Rolle: Als Moderator*innen sozialer Begegnungen machen ihre Bibliothek zu einem lebendigen Lernort, an dem Menschen sich selbst und andere besser verstehen.

Fazit
Die Living Library ist mehr als ein Veranstaltungsformat – sie ist ein Symbol für die Weiterentwicklung des bibliothekarischen Auftrags im 21. Jahrhundert. Indem Bibliotheken Menschen miteinander ins Gespräch bringen, tragen sie aktiv dazu bei, dass Wissen nicht nur gelesen, sondern auch erlebt wird.

Quellen:
Little N. et al. (2011). Don't judge a book by its cover! The living Library Organiser's Guide 2011. Council of Europe Publishing

Rasch, S. & Unterholzner, B. (2015). Lebende Bibliothek - Special Edition. Handreichung mit theoretisch-konzeptionellen Überlegungen zum Begegnungsformat "Lebende Bibliothek". Darmstadt: Netzwerk ROPE e.V.

Riebeling, F.A. (2023). https://www.20min.ch/story/in-der-living-library-kannst-du-dir-menschen-statt-buecher-ausleihen-395505707873

SCI Schweiz (2025). https://scich.org/lokale-projekte/living-library/ Letzter Aufruf am 28.10.2025.

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