Überlegungen und Handeln einer Quartierbibliothek
Die Bibliothek Montriond ist Teil des Netzwerks der Stadtbibliotheken Lausanne, das aus sechs Standorten in der Stadt und einem Bibliobus besteht. Sie befindet sich unterhalb des Bahnhofs, in einem grünen Viertel, das überwiegend von Familien mit akademisch gebildeten Eltern bewohnt wird. Die Bibliothek ist ein Ort des kostenlosen Zugangs und des Wohlwollens, an dem sich jeder ohne Ausleihverpflichtung aufhalten kann. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind eingeladen, einfach einen Moment zu verweilen – zu lesen, zu arbeiten oder sich zu begegnen. Die Gestaltung des Raumes lädt zum Bleiben ein, unter anderem durch das Angebot an Gesellschaftsspielen. Gerade durch diese einladende Atmosphäre gelingt es der Bibliothek Montriond, ihre Räumlichkeiten in einen Ort unerwarteter Begegnungen zu verwandeln. Besonders wichtig ist dabei, dass die Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die meist im öffentlichen Bereich präsent sind, enge Beziehungen zu den Leserinnen und Lesern aufbauen – sie finden hier einen Raum für informellen Austausch.
Um das Miteinander und den Zugang für alle zu gewährleisten – auch in einem lebhaften Umfeld – hat die Bibliothek Montriond die «Mardis calmes» (Ruhige Dienstage) eingeführt. An diesen Nachmittagen wird das Publikum gebeten, seine Stimme zu senken, damit Personen, die Ruhe und Konzentration suchen, in der Bibliothek die gewünschte Atmosphäre finden.

Bibliothèque Montriond (Foto: mano - Ville de Lausanne)
Das Bild des Quartiers: das generationenübergreifende Fotoatelier
Im Zentrum des Engagements der Bibliothek Montriond steht eine Überzeugung: Damit die Institution ein Ort der Begegnung sein kann, muss sie zuerst ein Ort der Zugehörigkeit sein.
In diesem Geist wurde das Fotoprojekt «Portraits de votre quartier» entwickelt – eine Initiative, die junge und ältere Menschen wieder mit ihrer unmittelbaren Umgebung verbinden soll. Ein im Viertel wohnender Fotoreporter bot Kindern ab 7 Jahren – in Begleitung ihrer Eltern – an, an einem Mittwochnachmittag, dem 1. Oktober 2025, eine fotografische Ausdruckserfahrung zu erleben.
Das Ziel war nicht rein technischer, sondern sozialer und identitätsstiftender Natur: die gemeinsame Erstellung eines Kalenders und einer Ausstellung in der Bibliothek selbst.
Nach einer kurzen Einführung zog jede teilnehmende Person einen Monat des Jahres. Dieser Monat diente als Ausgangspunkt für eine gemeinsame Reflexion: «Was möchten wir in Verbindung mit diesem Monat von unserem Quartier zeigen?». Diese Gespräche gingen den Fotoaufnahmen im Quartier voraus. Der Höhepunkt des Ateliers war die partizipative Auswahl der zwölf Bilder – ein Prozess, der das Gefühl des gemeinsamen Eigentums an der Endarbeit stärkte. Die Realisierung des Kalenders und die Ausstellung verwandelten die Bibliothek Montriond in einen Spiegel des Quartiers, der den Nutzerinnen und Nutzern ein Mittel zur Identifikation und zum lokalen Stolz bot.
Bibliothèque Montriond, Bild des Quartiers (Foto: Thomas Zoller - MagTuner)
Ein roter Faden: Begegnung, Selbstständigkeit und Partnerschaften fördern
Dieses Fotoatelier ist ein Beispiel für die Vielfalt der einmaligen und regelmässigen Aktivitäten, die den roten Faden der Bibliothek Montriond illustrieren: Die Nutzerinnen und Nutzer zu Akteurinnen und Akteuren machen – und Verbindungen in dauerhafte Gemeinschaften verwandeln. Die Bibliothek Montriond hat sich zu einem sozialen Inkubator entwickelt, der auf regelmässigen Partnerschaften mit dem Quartierzentrum Sous-Gare, dem Botanischen Garten, Museen und Theatern basiert, um das eigene Angebot zu bereichern.
Das Team setzt auf Kontinuität und die Entstehung «kleiner Gemeinschaften». Diese Gruppen, die ursprünglich unter der Schirmherrschaft der Bibliothek entstanden sind, haben sich zu festen Treffpunkten entwickelt – etwa die «soirées tricot» (Strickabende), deren Mitglieder Wollkörbe verwalten, die allen Interessierten zur Verfügung stehen, nach dem Prinzip des freien Austauschs und des Vertrauens. Diese Dynamik des Teilens findet sich auch in der Saatgutbibliothek, die den Austausch von Samen ermöglicht.
Ein zentrales Element dieser Philosophie ist das Angebot der «Carte blanche» – punktuelle Veranstaltungsangebote, die direkt aus dem Publikum hervorgehen. Der Erfolg dieser Initiativen führte teilweise zur Selbstständigkeit: So schlug 2023 eine Leserin eine «Carte blanche» vor, um an drei Abenden pro Semester über die Bewahrung privater und familiärer Archive nachzudenken. Nach einem Jahr fruchtbarer Treffen gründete die Gruppe ihren eigenen unabhängigen Verein «Nos archives», der sich weiterhin in der Bibliothek trifft, um Vorträge, Workshops und Erfahrungsaustausche zu veranstalten. Dieser Übergang zur Eigenständigkeit wird von der Bibliothek Montriond ausdrücklich gefördert, die als bevorzugte Partnerin ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellt und eine Veranstaltung in ihr Programm integriert, die mit den Aktivitäten des Vereins in Zusammenhang steht.
Dieser Gemeinschaftsgeist zeigt sich auch in einem vielfältigen Angebot an Lesekreisen – von Erwachsenen- und Jugendromanen über Kochbücher mit Verkostung bis hin zum «café lecture facile à lire» (Café lesen in leichter Sprache) –, wodurch aus Nutzerinnen und Nutzern aktive Mitglieder einer solidarischen Gemeinschaft werden.
Bibliothèque Montriond, wöchentliches Stricktreffen (Foto: Ville de Lausanne)
Von der individuellen Erfahrung zur kollektiven Dynamik
Die Erfahrung der Bibliothek Montriond bestätigt einen tiefgreifenden Wandel unseres Berufs: Indem wir über die reine Dokumentenvermittlung hinausgehen, werden wir zu Architektinnen und Architekten sozialer Erfahrung. Die wohlwollende Atmosphäre (Ruhige Dienstage, Präsenz an der Ausleihtheke), die Unentgeltlichkeit des Raums und die auf langfristige Beziehungen ausgerichteten Aktivitäten (vom Fotoatelier bis zu selbstorganisierten Tauschsystemen) zeigen, dass die Bibliothek der ideale Ort ist, um Gemeinschaften entstehen zu lassen, bürgerschaftliche Selbstständigkeit zu fördern und das Zugehörigkeitsgefühl zum Quartier zu stärken. Indem wir unseren Nutzerinnen und Nutzern die Möglichkeit geben, zu schaffen und sich zu versammeln, festigen wir unsere Rolle als unverzichtbarer Ort für das demokratische und soziale Leben der Stadt.
(aus dem Französischen übersetzt)