Die Bibliothek als sozialer Treffpunkt unter dem Aspekt der Vernetzung

14.11.2025 | Von Karin Naville | Aus den Bibliotheken | Bibliothek und Integration| Vernetzung| Zusammenarbeit

Die Bibliothek erweitert ihre Rolle als sozialer Treffpunkt, wenn sie sich mit geeigneten Vernetzungspartnern umgibt. Dass dieses Netzwerk besteht und gepflegt wird, gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Von Karin Naville
Karin Naville hat eine kaufmännische Ausbildung und die Matura abgeschlossen, drei Jahre an der Universität Bern Spanisch und Geografie studiert, hat den SAB-Leitungskurs absolviert und arbeitet seit 2009 bei den Kornhausbibliotheken, wo sie heute als Leiterin der Quartierbibliothek Bümpliz tätig ist.
«Wo finde ich Tschikowa?» Helle Augen schauen fragend über die Theke. Zögernd schweben meine Finger über der Tastatur – sucht sie eine Autorin, eine neue Jugendbuchreihe, einen Titel? «Ich weiss auch nicht, wie man es schreibt…» fügt sie an. Ich muss schmunzeln, unsere Blicke treffen sich. 

In Hörweite der Theke befinden sich einige Schülerinnen. Sie sind daran, ihre Medien an der Selbstausleihe einzubuchen. Eine der Jugendlichen wendet sich um. «Tschikowa? Habe ich vorhin im Gestell gesehen, komm, ich zeig’s dir.» Versonnen blicke ich den beiden nach. 

Solche Szenen sind Alltag in den allgemein öffentlichen Bibliotheken. Blickkontakt, ein kurzer Austausch, eine kleine soziale Interaktion. 

Unsere Quartierbibliothek befindet sich in einem multikulturellen Stadtteil. Das Einzugsgebiet beträgt rund 20'000 Einwohnerinnen und Einwohner, 37 % davon haben keinen Schweizer Pass. Eines der beiden oben genannten Mädchen hat die Bibliothek vielleicht über ein Integrationsangebot im Stadtteil kennengelernt. 
 
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Das Gebäude der Bibliothek Bümpliz (Foto: Kornhausbibliotheken)

Als Beispiel nehme ich das Frühförderprojekt Primano. Primano bietet ein Hausbesuchsprogramm für Familien an, fördert die Sprachkenntnisse von Kindern, die wenig oder kein Deutsch sprechen und unterstützt Spielgruppenleiterinnen mit gezielten Weiterbildungsangeboten. Koordinatorinnen helfen mit, dass die Förderangebote im Quartier bekannt werden. Durch den Kontakt mit den Schlüsselpersonen im Projekt kann ich die Bibliothek den Multiplikatorinnen vorstellen und diese tragen ihr Wissen weiter in ihre Gruppen. In der Praxis sieht es so aus, dass ich Hausbesucherinnen und Spielgruppenleiterinnen in die Bibliothek einladen konnte und wir hier einen Input zum Thema Sprache, Sprachentwicklung und Erzählen gaben. Anschliessend folgte der Wunsch der Spielgruppenleiterinnen, die Bibliothek mit ihren Gruppen zu besuchen. Ähnlich verhielt es sich mit den Eltern-Kind-Deutsch-Gruppen. Nachdem der persönliche Kontakt zwischen Bibliothekarin und Gruppenleiterin einmal bestand, folgten die Anfragen für Bibliotheksbesuche. Unterdessen sind diese Besuche selbstverständlicher Teil unseres Angebotes – wie auch die Bibliotheksbesuche durch Schulklassen.

In unserem Stadtteil sind knapp zwei Drittel der Bevölkerung Schweizer Bürgerinnen und Bürger. Wer die Bibliothek zur Medienausleihe nicht nutzt, besucht sie vielleicht trotzdem: wir haben das Glück, dass bei uns jeweils drei Wochen vor einem Abstimmungstermin ein Briefkasten montiert wird. Samstagabend und Sonntagmorgen kann sogar persönlich an der Urne abgestimmt werden. Konkret treten während der vier Stunden, in denen das Abstimmungslokal geöffnet ist, zwischen 400 – 800 Personen ein. Während der Urnenöffnungszeiten haben wir die Bibliothek ebenfalls geöffnet und sind für diese Personen mit unserem Angebot sichtbar und präsent.
 
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Die Bibliothek Bümpliz (Foto: Kornhausbibliotheken)
 
«Wir dachten, die Bibliothek wäre ein geeigneter Ort dafür. Ist es möglich, dass wir eure Räume benutzen?» Eine solche Anfrage stellte uns Pro Senectute, als sie ein Lokal zum Ausfüllen von Steuererklärungen suchte. Gegenseitiges Kennenlernen, Festlegen der Bedingungen und kleinere Absprachen waren im ersten Jahr des Projektes nötig. Ein erster Rückblick zeigte, dass diese Kooperation für beide Seiten ein Gewinn ist und dass wir gern weiter zusammenarbeiten. Unterdessen reicht ein Mail, bei welchem wir die die geeigneten Daten festlegen. 
 
Solche Anfragen sind ein Geschenk. Sie zeigen, dass die Bibliothek wahrgenommen wird, dass sie im Bewusstsein von Behörden, Schulen, Vereinen und Akteuren im sozio-kulturellen Bereich lebt. Der Kontakt mit diesen Vernetzungspartnern geht über die Bibliotheksräume hinaus, ja, einzelne davon betreten nicht einmal die Bibliothek. Dennoch ist dieser Kontakt die Grundlage dafür, dass unsere Bibliothek durch neue Personengruppen entdeckt werden kann.

Die Bibliothek erweitert ihre Rolle als sozialer Treffpunkt, wenn sie sich mit geeigneten Vernetzungspartnern umgibt. Dass dieses Netzwerk besteht und gepflegt wird, ist im Bibliotheksalltag vielleicht nicht sichtbar, sicher aber spürbar und gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Und dieses Netzwerk kann die Grundlage dafür sein, dass zwei Mädchen aus ganz unterschiedlichen Kulturen die Bibliothek kennen und schätzen. Dass sie, aus unterschiedlichen Verhältnissen stammend, sich nun gemeinsam Richtung Büchergestell bewegen. Kurze Zeit später gesellt sich die eine wieder zu ihren Kolleginnen bei der Selbstausleihe. Die andere steht mit einem Bücherstapel vor der Theke. «Die war aber nett», sagt sie leise. «Ja», sage ich und buche den Titel ein. Er schreibt sich «Chiikawa».
 
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Die Bibliothek Bümpliz (Foto: Kornhausbibliotheken)

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