Eine Bibliothek ist zwar ein Ort der Informationssuche, aber ebenso ein Ort des Austauschs und der Begegnung. Seit jeher ist es wesentlich, Verbindungen zu knüpfen – sie sind ein zentraler Bestandteil des persönlichen Wohlbefindens, aber auch des gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Die Vorstellung einer öffentlichen Bibliothek, in der man möglichst leise sein muss, wo nur passionierte Leserinnen und Leser verstaubte Bücher aus den Händen einer strengen Bibliothekarin mit Dutt oder eines korrekt gekleideten Bibliothekars ausleiht, ist ein hartnäckiges Klischee, das mit unserer Realität nichts zu tun hat!
Und doch bin ich immer wieder erstaunt, wenn Menschen zögern, eine Bibliothek zu betreten, weil sie nicht lesen!
Spielabend (Foto: Regionalbibliothek Tavannes)
In der Regionalbibliothek Tavannes wollten wir mit diesem Mythos brechen und die Menschen anziehen, um soziale Bindungen zu schaffen – so wichtig in unserer heutigen Gesellschaft. Dazu haben wir eine breite Palette monatlicher Aktivitäten für alle Altersgruppen und Zielgruppen entwickelt:
- Buchstart: für Kinder, die noch nicht eingeschult sind, und ihre Begleitpersonen.
- Brico-histoire (Bastelgeschichte): für Kinder im Kindergarten bis 2. Klasse – die Bibliothekarin erzählt eine Geschichte und bastelt anschliessend mit den Kindern etwas Passendes dazu.
- BiblioClub: für Kinder der 3. bis 6. Klasse – die Bibliothekarin spielt und experimentiert mit den Teilnehmenden rund um Bücher.
- Freies Sprechen ohne Angst: für Jugendliche der Sekundarstufe – mit Theater- und Improvisationsspielen hilft die Bibliothekarin, die Angst vor dem öffentlichen Reden zu überwinden. Am Ende präsentieren die Jugendlichen Geschichten in Form einer kleinen Aufführung für die Jüngeren.
- Elterncafé: organisiert gemeinsam von der Schulsozialarbeiterin, der Präsidentin des Elternvereins und der Bibliothekarin – eine gemütliche Gesprächsrunde zu einem Thema, um Erfahrungen auszutauschen.
- Seniorencafé: die Bibliothekarinnen stellen Autorinnen und Autoren oder Comics vor, lesen Kurzgeschichten und tauschen anschliessend Leseempfehlungen mit den Teilnehmenden aus.
- Interkulturelle Begegnungen: in Zusammenarbeit mit der Vereinigung AMITRA (Tramelaner Verein zur Unterstützung von Asylsuchenden) organisieren die Bibliothekarinnen Treffen zwischen Migrantinnen, Migranten und Einheimischen – in unterschiedlichen Formaten (mehr dazu weiter unten).
- Dimanches racontent (Sonntage erzählen): an einem Sonntag im Monat, von September bis Mai, findet eine Veranstaltung mit Künstlerinnen und Künstlern statt (ErzählerInnen, Clowns, SchauspielerInnen, Workshops im Zusammenhang mit aktuellen Ausstellungen).
Dafür braucht es keine grossen finanziellen Mittel und keine komplizierten Konzepte, sondern nur Zeit, Motivation, Freude und Offenheit.
Fondue vor der Bibliothek (Foto: Regionalbibliothek Tavannes)
Ein Beispiel: unsere Aktivität Interkulturelle Begegnungen. Sie entstand aus dem Wunsch, Menschen mit Migrationshintergrund und Einheimische zusammenzubringen, um gemeinsame Momente zu erleben und Sprachbarrieren sowie Vorurteile zu überwinden. Unser Ziel war nicht primär die Förderung des Lesens, sondern die Verwirklichung der Bibliothek als Dritter Ort.
Das Projekt entstand durch eine Begegnung mit Bruce Rennes, dem Verantwortlichen des Vereins AMITRA. Anfangs überlegten wir, wie wir Menschen zusammenbringen könnten – und entschieden, dass gemeinsames Essen eine universelle Art ist, Beziehungen zu schaffen. Auf Einladung von Bruce bereiteten afrikanische Frauen köstliche Spezialitäten zu, während die Bibliothekarinnen bei einer lesenden Landwirtin aus der Region kalte Platten bestellten. Eine junge Ukrainerin schlug vor, bei der nächsten Begegnung ihr Land vorzustellen und einen apéritif dînatoire zu organisieren. Die Treffen entwickelten sich spontan, mit neuen Ideen, die sich im Laufe der Zeit ergaben. So haben wir zum Beispiel einmal eine Fondue auf einer Feuerschale vor der Bibliothek gemacht – begleitet von Musik und spontanen Gesängen. Ein anderes Mal brachte ein musikbegeisterter Leser seine Gitarren mit, und der Abend endete in einer gemeinsamen Tanzrunde mitten in der Bibliothek! Auch Spielabende sind sehr beliebt. Die Kommunikation gelingt auf wunderbare Weise – durch eine Mischung aus Gesten, Lächeln, Musik und Übersetzungshilfe jener, die schon ein wenig Französisch sprechen.
Musikabend (Foto: Regionalbibliothek Tavannes)
Eine grosse Vorbereitung ist nie nötig: von Treffen zu Treffen entscheiden wir gemeinsam, was wir machen möchten, je nach den Ideen und Wünschen aller. Die Bibliothek informiert über Plakate, Artikel, soziale Medien und den direkten Austausch mit den Leserinnen und Lesern. Bruce Rennes lädt die Migrantinnen und Migranten über AMITRA ein und organisiert den Transport zur Bibliothek. Es handelt sich nicht um eine feste Gruppe – bei jedem Treffen kommen neue Menschen hinzu. Leider ändert sich die Zusammensetzung auf der Seite der Einheimischen kaum: oft kommen dieselben, und es ist schwierig, weitere Personen aus der Region zu motivieren. Vielleicht spielt die Angst vor dem Unbekannten oder ein voller Terminkalender eine Rolle. Doch das schmälert in keiner Weise die Magie dieser Begegnungen, dieser kostbaren Augenblicke, die den Teilnehmenden – insbesondere den Migrantinnen und Migranten – so guttun. Jedes Mal gehen alle mit einem grossen Lächeln nach Hause – wie dieser junge Kurde, der uns auf Französisch, mithilfe der Übersetzungs-App seines Handys, schrieb: « Bonjour, je voudrais vous dire que l’activité à Tavannes était merveilleuse. Merci. ». Es gibt nichts zu ergänzen, alles ist gesagt!
Tanzrunde in der Bibliothek! (Foto: Regionalbibliothek Tavannes)
(aus dem Französischen übersetzt)