Literale Praxis in Schule und Bibliothek

20.08.2012 | Von Dieter Isler | Leseförderung | Aus- und Weiterbildung | Informationskompetenz | Medienkompetenz | Schule und Bibliothek

Bei der Förderung von Informationskompetenz und nachhaltiger Lesepraxis können sich die Bildungsträger Schule und Bibliothek ideal ergänzen. Im neuen Zertifikatslehrgang "Literale Praxis in Schule und Bibliothek" erarbeiten Fachleute beider Berufsgruppen an der Pädagogischen Hochschule FHNW in Aarau gemeinsam Grundlagen und konkrete Projekte zur Stärkung dieser Bildungspartnerschaft.

Von Dieter Isler
Dieter Isler arbeitet am Zentrum Lesen der Pädagogischen Hochschule FHNW. Er befasst sich in Forschung und Weiterbildung mit den Themen Literalität und Bildungsungleichheit
Seit Herbst 2011 läuft an der Pädagogischen Hochschule FHNW in Aarau der erste Zertifikatslehrgang "Literale Praxis in Schule und Bibliothek". Elf Lehrkräfte der Primar- und Sekundarstufe und sechs Bibliotheksfachleute absolvieren ihn gemeinsam. Sie besuchen verschiedene Kursmodule und realisieren eigene Kooperationsprojekte, die sie bis zum Sommer 2013 in einer Zertifikatsarbeit dokumentieren. Thematisch liegen die Schwerpunkte bei der Förderung von Informationskompetenz und nachhaltiger Lesepraxis.
 
Im diesem Beitrag wird der neue Lehrgang genauer vorgestellt: Es geht um die gesellschaftliche und bildungspolitische Ausgangslage, die Ziele und den Aufbau des Lehrgangs, die auf Informationskompetenz ausgerichteten Elemente und die geplanten Kooperationsprojekte der Teilnehmenden. Abschliessend werden die Umrisse einer zukünftigen Berufsrolle "Bibliothekspädagogin / Bibliothekspädagoge" skizziert. 
 
Ausgangslage
Informationskompetenz und nachhaltige Lesepraxis sind zentrale Bildungsziele einer modernen Wissensgesellschaft. Die Bibliothek ist neben dem Internet der wichtigste Informationsträger: Sie stellt ihren Nutzerinnen und Nutzern ein thematisch und medial breites, qualitativ hoch stehendes und leicht zugängliches Informationsangebot zur Verfügung. Damit bietet sie ideale Voraussetzungen für selbständiges Lernen, sei es im mediengestützten Sachunterricht oder im interessegeleiteten Leseunterricht. Medienbasierte Unterrichtsformen wie Portfolioarbeiten, Lesetagebücher oder fächerübergreifende Projekte ermöglichen den Schülerinnen und Schülern ein aktives, entdeckendes und konstruierendes Lernen auf individuellen Wegen und eignen sich gut für den Unterricht mit heterogenen Klassen. 
 
Dieses grosse Potenzial der Bibliothek als Lernort wird in Deutschschweizer Primar- und Sekundarschulen noch wenig genutzt. Viele Lehrerinnen und Lehrer besuchen zwar regelmässig die Schulhausbibliothek, beschränken sich aber auf die Medienausleihe und verzichten in diesem Umfeld weitgehend auf pädagogische Lernangebote. Nur wenige Klassen besuchen regelmässig eine öffentliche Bibliothek, und Lehrpersonen arbeiten selten mit den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren zusammen.
 
Für die Nutzung der Bibliothek als Lernort und die Zusammenarbeit von Bildungs- und Medienprofis gibt es im Ausland überzeugende Beispiele. An vielen kanadischen Schulen werden die Schulbibliotheken von "teacher librarians" geführt, die als Lehrpersonen und Bibliotheksfachleute ausgebildet sind. Sie sorgen nicht nur für ein attraktives Medienangebot, sondern stellen auch Lernaktivitäten bereit, beziehen die Kinder in bibliothekarische Arbeiten mit ein, vermitteln im Unterricht Informationskompetenz und unterstützen die Lehrpersonen bei der Unterrichtsplanung.
 
Die Einrichtung professionell geführter Schulbibliotheken ist in der Schweiz kurz- und mittelfristig kaum realisierbar. In Zusammenarbeit von Schule und Bibliothek können aber neue, den lokalen Bedingungen angepasste Modelle entwickelt werden, um Kinder, Lehrpersonen und Eltern im Hinblick auf die Bildungsziele Informationskompetenz und nachhaltige Lesepraxis zu unterstützen. Voraussetzung dafür sind kompetente Partner/innen aus beiden Berufsfeldern: Bibliotheksfachleute, die auch über Bildungsprozesse Bescheid wissen, und Lehrpersonen, die sich auch in der Welt der Kinder- und Jugendmedien gut auskennen. Der CAS Literale Praxis in Schule und Bibliothek ermöglicht Lehrkräften, Bibliothekarinnen und Bibliothekaren eine aktuelle und umfassende Zusatzqualifikation.
 
 
Ziele und Aufbau des Lehrgangs
Der Lehrgang ist auf eine Doppelqualifikation als "Teacher librarian" ausgerichtet: Die Absolventinnen und Absolventen sind nach Abschluss der Weiterbildung in der Lage, bibliothekspädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche zu entwickeln, Lehrerinnen und Lehrer in bibliothekspädagogischen Fragen zu unterstützen und die Vernetzung von Schulen und Bibliotheken zu fördern. Sie
  • verfügen über aktuelles Orientierungswissen zu konstruktivistischen Lehr-Lernmodellen und zur Lese-, Schreib- und Mediendidaktik;
  • kennen das jeweils andere Berufsfeld (Schule oder öffentliche Bibliothek) aus eigener Erfahrung;
  • kennen Modelle von Informationskompetenz und nutzen sie für die Planung und Auswertung von Lernangeboten;
  • sind mit dem aktuellen Kinder- und Jugendmedienangebot vertraut und kennen unterschiedliche Formen der Leseanimation und -beratung;
  • kennen verschiedene Möglichkeiten zur lokalen Kooperation von Schule und Bibliothek;
  • haben ein eigenes Kooperationsprojekt geplant, durchgeführt und ausgewertet;
  • können ihr Wissen als Multiplikatorinnen bzw. Multiplikatoren an ihre Kolleginnen und Kollegen weitergeben.
 
Der Lehrgang "fährt" auf zwei Scheinen, um diese Ziele zu erreichen: Im Präsenzstudium (ca. 2/5 der  Lernzeit) besuchen die Teilnehmenden die Module "Grundlagen", "Medienbasiertes Fachlernen" und "Kinder- und Jugendmedien". Jedes Modul besteht aus drei (meist) mehrtägigen Blöcken und umfasst verschiedene Elemente: Vermittlung von Fachwissen durch Referate, Lektüren und Diskussionen, Austausch von Erfahrungswissen der Teilnehmenden in "Praxisfenstern", Besuche von innovativen Institutionen und Beratung durch andere Teilnehmende und die Kursleitung. Im Selbststudium (ca. 3/5 der Lernzeit) steht die praktische Umsetzung des erworbenen Wissens im Zentrum: Zunächst geht es darum, das jeweils andere, noch unvertraute Berufsfeld (Schule oder Bibliothek) im Rahmen einer Hospitation kennenzulernen. Anschliessend wird ein eigenes Kooperationsprojekt geplant, durchgeführt, ausgewertet und dokumentiert. Die folgende Abbildung veranschaulicht diesen Aufbau:
 
Fokus Informationskompetenz
Die Förderung von Informationskompetenz bildet einen der beiden inhaltlichen Schwerpunkte des Lehrgangs. Im ersten Modul werden die lerntheoretischen Grundlagen entdeckender Unterrichtsformen behandelt und Bezüge zu verschiedenen Fächern – Sprache, Medienbildung und Mensch-Umwelt – geklärt. Im zweiten Modul werden zunächst Grundbegriffe und Modelle der Wissenskonstruktion eingeführt: Was ist mit Daten, Informationen und Wissen gemeint? Aus welchen Quellen wird Erkenntnis gespiesen? Über welche Stationen verläuft der Prozess von einer Frage bis zur Präsentation ihrer Antworten? Auf dieser Grundlage werden Instrumente für die gemeinsame Planung und Durchführung von medienbasiertem Fachunterricht  behandelt.
 
Das Thema Informationskompetenz wird aber auch auf der Ebene der Teilnehmenden angegangen. Innerhalb der Kursgruppe kommen verschiedene digitale Werkzeuge wie Blogs und Filesharing-Lösungen zu Einsatz. Die Teilnehmenden  produzieren mit Hilfe von Computern und Tablets selber digitale Texte  (z.B. Videos, Book-Trailer), sie üben sich im Recherchieren und entwickeln eigene, auch multimediale Formen zur Darstellung ihrer Projekte. 
 
Kooperationsprojekte
Jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer realisiert im Verlauf des Lehrgangs ein eigenes Kooperationsprojekt. Diese Vorhaben müssen Schule und Bibliothek vernetzen, in Zusammenarbeit mit Lehrpersonen oder Bibliothekar/innen durchgeführt werden, dem lokalen Entwicklungsbedarf angepasst und auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein. Die Teilnehmenden werden im Lehrgang schrittweise mit Grundlagen und Instrumenten des Projektmanagements vertraut gemacht und bei der Umsetzung ihrer Projekte durch kollegiale Resonanzgruppen und persönliche Beratung unterstützt. Zum aktuellen Zeitpunkt haben sie in ihren Praxisfeldern Standortbestimmungen durchgeführt und ihre Projektideen eingegrenzt. In weiteren Schritten werden sie Projektaufträge ausarbeiten, Feinplanungen erstellen, ihre Projekte durchführen, auswerten und dokumentieren. Die Projektideen der 17 Teilnehmenden lassen sich wie folgt gruppieren:
  • Bibliotheken bauen ihre Angebote (z.B. Klassenführungen, Medienboxen, Angebote zur Förderung von Freizeitlesen und Informationskompetenz) für Schulen aus, tragen sie aktiv an die Schulen heran und verankern die Zusammenarbeit (5 Projekte).
  • Für die langfristige Zusammenarbeit von Schule und Bibliothek werden Richtlinien (Curricula, Lernziele pro Stufe oder Klasse) erarbeitet und dazu passende Unterrichtsideen entwickelt (4 Projekte).
  • Schule und Bibliothek entwickeln koordinierte Massnahmen zur Einführung junger Kinder und ihrer Familien in die Bibliothek (3 Projekte)
  • Unterrichtsmodelle, die im Schnittfeld von Schule und Bibliothek liegen, werden ausgearbeitet, erprobt und dokumentiert (z.B. Empfehlungen, Schatzkisten und Hörtexte zu  ausgewählten Büchern; 3 Projekte).
  • Schulbibliotheken werden optimiert, und ihre Nutzung wird durch verschiedene Angebote (z.B. Mitarbeit von SchülerInnen, Medien in Migrationssprachen, Unterrichtsvorschläge für Lehrpersonen) intensiviert (2 Projekte).
 
Berufsrolle "Bibliothekspädagogin / Bibliothekspädagoge" – ein Szenario für die (nahe) Zukunft
Welche Aufgaben sollen die Absolventinnen und Absolventen des CAS Literale Praxis in Schule und Bibliothek in ihren Berufsfeldern übernehmen? Und welche Bedingungen sind dazu erforderlich? Abschliessend werden mit einem Zukunftsszenario erste Antworten auf diese zentralen Fragen skizziert:
 
Bibliothekspädagoginnen und Bibliothekspädagogen sind an ihren Institutionen oder in ihrem politischen Bezirk für die Zusammenarbeit von Schule und Bibliothek, die Führung der Schulbibliothek oder bibliothekspädagogische Aufgaben zuständig. Im Auftrag der Schul- bzw. Bibliotheksleitung übernehmen sie Verantwortung für die Bereitstellung von Medienbeständen, die Entwicklung von Bildungsangeboten für Schülerinnen, Schüler und Eltern, die kollegiale Beratung und Unterstützung sowie die Planung, Durchführung und Auswertung von Projekten zur Förderung von Informationskompetenz und nachhaltiger Lesepraxis. Sie verfügen über eine Auftrag und Ressourcen für die professionelle Bearbeitung ihrer Aufgaben und stehen im fachlichen Austausch mit anderen BibliothekspädagogInnen.
 
Der Zertifikatslehrgang "Literale Praxis in Schule und Bibliothek" wird von Maria Riss und Dieter Isler geleitet und in enger Zusammenarbeit mit Kathrin Amrein und vielen weiteren Expertinnen und Experten durchgeführt. Die Kantone Aargau, Basel, Solothurn und Zürich haben sich bei der ersten Durchführung freundlicherweise an den Kurskosten beteiligt. Der CAS soll von Herbst 2013 bis Sommer 2015 ein zweites Mal durchgeführt werden. Informationen zum Lehrgang und zur Anmeldung sind auf der Website des Instituts Weiterbildung und Beratung der PH FHNW zugänglich:
www.fhnw.ch/ph/iwb/kader/literale-praxis
 
Dieter Isler,
Pädagogische Hochschule FHNW, Zentrum Lesen
dieter.isler@fhnw.ch




 

Dieter Isler ist Mitautor des Artikels "Information Literacy: Sachtexte lesen und schreiben in Schule und Bibliothek", erschienen in "Unterricht konkret" Nr. 3/2007.
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