Covid-Zertifikat widerspricht der bibliothekarischen Berufsethik

04.10.2021 | Recht und Politik | Bibliosuisse| Bibliothek und Integration| Coronavirus| Ethische Richtlinien| Zugänglichkeit

Die Diskriminierung von Bibliotheksbesucherinnen und –besucher aufgrund eines fehlenden Covid-Zertifikats stösst in der Bibliothekswelt auf Widerstand. Namhafte Bibliotheksfachleute fordern nun, dass die Covid-Zertifikatspflicht für Bibliotheken so schnell wie möglich aufgehoben wird.

Seit dem 13. September 2021 gilt die Covid-Zertifikatspflicht. Das Zertifikat muss zusammen mit einem Ausweis vorgewiesen werden, um Zutritt zu einer öffentlichen Bibliothek in der Schweiz zu erhalten (mit Ausnahme der Abholung und Rückgabe von bestellten/reservierten Dokumenten, was weiterhin ohne Zertifikat erlaubt ist). Der Bundesrat hat diesen Entscheid im Rahmen der gesundheitspolitischen Massnahmen getroffen, die von den Behörden zur Eindämmung der Coronapandemie auf der Grundlage verschiedener gesetzlicher Bestimmungen und Verordnungen erlassen wurden.
 
Der Ethikkodex für Bibliothekare und Informationsfachleute der Schweiz legt in Art. 1 Folgendes fest: «Um die Integration zu fördern und im Gegenzug die Ausgrenzung zu bekämpfen, garantieren die Mitarbeitenden von Bibliotheken und Dokumentationsstellen bedarfsgerechte Dienste ohne jegliche Diskriminierung und das Recht für alle auf freien Zugang zu Informationen.»
 
Mit der Covid-Zertifikatspflicht wird am Eingang der öffentlichen Bibliotheken eine Zugangskontrolle eingeführt, durch die die Ungleichheit verschärft wird. Dies steht in einem grundlegenden Widerspruch zu den im vorgenannten Ethikkodex verankerten Werten und massgeblichen Prinzipien, die von den Unterzeichnenden vertreten werden, zu denen auch ein diskriminierungsfreier Zugang für alle ohne Kontrollpflicht gehört.
 
Das Covid-Zertifikat könnte sich zudem negativ auf die Zahl der Bibliothekskunden auswirken und die eine oder andere Person von einem Besuch abhalten. Ferner wird dadurch auch ein Nährboden für Konflikte geschaffen, was die Besucherhäufigkeit in den öffentlichen Bibliotheken zusätzlich beeinträchtigen würde.
 
Die Unterzeichnenden sind sich dessen bewusst, dass die öffentlichen Bibliotheken ihren Beitrag zur Pandemiebekämpfung leisten müssen und dass die aktuelle Krise nur durch die gemeinsame Verantwortung gemeistert werden kann. Sie rufen daher die Bibliotheken und ihr Personal zur Einhaltung der Hygiene- und Gesundheitsschutzmassnahmen auf – mit der Bitte, die Verhaltensweisen, die zur Bewältigung der aktuellen Situation beitragen, auch ausserhalb der Bibliotheken umzusetzen.
 
Die Unterzeichnenden können eine Abweichung von diesen Werten und grundlegenden Prinzipien, die die Grundlage des Handelns der öffentlichen Bibliotheken und ihrer Mitarbeitenden bilden, jedoch nur für eine zeitlich eng begrenzte Dauer tolerieren. Sie werden sich dementsprechend dafür einsetzen, dass die Covid-Zertifikatspflicht so schnell wie möglich aufgehoben wird, sobald die gesundheitliche Lage dies zulässt, um beim Zugang zum öffentlichen Dienst und den Lebensräumen wieder zu normalen Verhältnissen im Einklang mit den von allen öffentlichen Bibliotheken geteilten Werten zurückzukehren.
 
Je nach Entwicklung der Situation beabsichtigen die Unterzeichnenden im Übrigen in Verhandlungen mit den zuständigen Behörden über eine Umteilung der öffentlichen Bibliotheken in den «grünen» Bereich (der «Orte des alltäglichen Lebens» umfasst, die von der Zertifikatspflicht ausgeschlossen sind) aufzunehmen.
 
Hans Ambühl, Präsident Bibliosuisse
Amélie Vallotton Preisig , Vize-Präsidentin Bibliosuisse
Laurent Voisard, président Biblioromandie
Michel Gorin, vice-président Biblioromandie
Eva Mathez, Präsidentin Stadt-Gemeinde-Schule
Davide Dosi, Presidente Bibliotecari, Archivisti e Documentalisti della Svizzera italiana
Christian Scheidegger, Präsident Fachliches Netzwerk Alte Drucke
Fachliches Netzwerk Bibliotheksbeauftragte der Deutschschweiz



Kommission Berufsethik Bibliosuisse >
 
   
Aktuelle Bewertung: 4 (1 Bewertungen)