Regionalbibliothek Spiez

07.03.2015 | Von Susanne Dubs | Verschiedenes | Regionalbibliotheken

Der Neubau der Regionalbibliothek Spiez besticht bereits durch seine Fassade, die traditionelle und moderne Elemente verbindet und auf die Funktion des Gebäudes anspielt. Susanne Dubs, die für die Fassadengestaltung verantwortlich zeichnet, gibt Einblick in die Inspirationen, von denen sie sich leiten liess, und schildert den Gestaltungsprozess und die handwerkliche Umsetzung des Konzepts.

Simmental, Diemtigtal oder Stockental im Berner Oberland bieten die Möglichkeit, entlang der Hauswege überraschende Entdeckungen zu historischer ländlicher Architektur zu machen. Von der Sonne dunkel gegerbtes Holz lässt einen über Zeiten und ihre Bedingungen nachdenken. 

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Aufwändige ornamentale Malereien in leuchtenden Farben, die sich vom dunklen Holz abheben, waren mir bislang nicht bekannt. Filigrane Friese und Schriftbänder in Fraktur, die Wind und Wetter über viele Jahrzehnte standhalten, lassen einen genauer hinschauen. Man beginnt zu lesen und über die Bedeutung von einzelnen Zeichen nachzudenken. Haussprüche, Blumen, Muscheln, Palmen und geometrische Motive zeugen von viel Zeit und Sorgfalt der Zimmerleute und Maler.
 
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Die Fassade des Neubaus in Spiez zeugt vom Wandel in der Technik und der Funktion von Zeichen. Auf den ersten Blick nimmt man vor allem die markante horizontale Zweiteilung der Fassade wahr, die vertikale Rasterung erscheint unregelmässig.
 
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In ersten Recherchen und Skizzen befasste ich mich einerseits mit heutigen Techniken in den Bereichen Holz und Typografie, im Weiteren mit den Ebenen der Fassade sowie der Wirkung von Licht und Schatten. Fragen zu Farbkonzept, Signaletik, Innen und Aussen, Schriftwahl und die Wahrnehmung auf den ersten und zweiten Blick hielten mich eine ganze Weile von der naheliegenden Idee ab, die Funktion des Hauses gestalterisch umzusetzen.

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 Ausschnitt aus dem Fassadentwurf
 
Bunte Buchrücken, unterschiedlich hoch und breit, stehen in Regalen und erinnern an viele Stunden, in denen man dazugelernt hat. Man liest, legt das Buch wieder weg, erinnert sich, es eröffnen sich neue Fragen – ist man einmal von der Leidenschaft des Lesens gepackt, kann man nicht mehr davon lassen.
 
Autoren verwenden oft viel Zeit und Sorgfalt darauf, einen passenden Titel für ein Werk zu finden. Es wird überlegt, ob der Titel provozieren soll, ob er etwas über den Inhalt oder eine These verraten darf – in jedem Fall ist er wichtiges Element, um die Neugier des Lesers zu wecken.
 
Die Auswahl der auf der Fassade zitierten Buchtitel entstand nach einer ausführlichen Reflexion über die wichtigen Bücher in meinem Leben. Nach mehrfacher Reduktion entstand eine Liste, die nicht Anspruch auf Vollständigkeit, jedoch die Qualität hat, beim Betrachter Assoziationen zur Region, zum Leben der Menschen und ihrer Landschaft auszulösen. Es entstand eine persönliche Verneigung vor der Arbeit von Autoren – nicht nur aus der Schweiz – welche die Besucherinnen und Besucher der Bibliothek Spiez vielleicht neugierig auf das eine oder andere Buch macht.

 
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Von Hand schnitzen zu lassen, ist heutzutage nicht mehr bezahlbar. In der einen oder anderen Zimmerei wissen die Zimmerleute von computergesteuerten Fräsen, die meine typografischen Vorlagen in verschiedenen Tiefen dreidimensional ins Holz gekerbt haben. Je nach Licht und Witterung werden die Titel, die in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, auf den zweiten Blick sichtbar.
(Zur Auswahl der auf der Fassade zitierten Titel (pdf) >)

Diese Auseinandersetzungen mit Sprache, Wahrnehmung und Assoziationen führte in der Folge zu einem schlüssigen Corporate Design der Bibliothek und Ludothek in Spiez und verweist in Variationen auf die Signaletik innen.
 
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Es war mir eine grosse Freude, mit dem einfühlsamen und aufgeschlossenen Spiezer Bauherrschaft die unterschiedlichsten Auseinandersetzungen zur Gestaltung zu führen und umsetzen zu dürfen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit  bauzeit architekten war von hoher Kreativität und bemerkenswerter Sorgfalt geprägt. Zimmerleute, Schriftenmaler und Spezialisten für Glasverarbeitung zeigten mir ihren Stolz auf ihr Können in den einzelnen Berufsfeldern.
 
Susanne Dubs
(Fotos der Regionalbibliothek Spiez: Yves André)

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Susanne Dubs erlernte als eine der ersten Frauen in der Schweiz den Beruf der Schriftenmalerin. Nach der Weiterbildung in Grafik und dem Studium der Visuellen Kommunikation, hat sie sich als Einzelfirma in den vergangenen Jahren auf die Visuelle Kommunikation in der Architektur spezialisiert. Sie setzt gestalterische Impulse für das interdisziplinäre Team, findet den treffenden, individuellen visuellen Ausdruck für die zu bearbeitenden Themen und begleitet gestalterische Prozesse vom Konzept bis und mit der Ausführung – Kunst am Bau, Farbkonzept, Signaletik und künstlerischer Schmuck in unterschiedlichen Materialien und Techniken ausgeführt.
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Am 5. Juni 2015 findet das Einweihungsfest der Bibliothek und Ludothek Spiez statt. Auf dem Abendprogramm steht ein Auftritt des Kabarettisten Nils Althaus, davor besteht die Möglichkeit mit dem 70-minütigen Dokumentarfilm BuchWert und anderes von Werner Stalder Einblick zu nehmen in die Baugeschichte der Regionalbibliothek/Ludothek Spiez.
 
Zum Programm des Einweihungsfests >
 
Zum Trailer von BuchWert und anderes >
 

Susanne Dubs
Designerin FH – Visuelle Kommunikation
Hauptstrasse 226
2532 Magglingen
032 322 13 76
s.dubs@goldnet.ch
www.susanne-dubs.ch

 
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