Zielgruppe Jugend – ja oder nein?

29.07.2015 | Benutzung | Jugendliche | Leseförderung | Zielpublikum

Rückblick auf die Weiterbildungsveranstaltung der SBD.bibliotheksservice ag vom 12. Juni 2015

"Ohne die heranwachsende Generation keine Zukunft für Bibliotheken", stellt Frau Prof. Dr. phil. Kerstin Keller-Loibl gleich zu Beginn der Veranstaltung klar. Vertreter aus fünf Öffentlichen Bibliotheken berichten über ihre Angebote für Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren und stellen sich anschliessend den Fragen der Teilnehmenden. Fazit: will die Bibliothek bei jungen Leuten als Freizeit- und Bildungsort akzeptiert sein, dann muss die Bibliotheksausrichtung vielerorts überdacht und verändert werden – und dies unbedingt in Zusammenarbeit mit den Jugendlichen. 

"DEN" Jugendlichen gibt es nicht, aber sehr oft sehen Jugendliche, wenn sie "Bibliothek" hören, Endlosregale vor sich und meiden dann diesen Ort der Stille, der zudem zu stark mit Schule und Disziplin verbunden ist. Ohne positive Erfahrungen mit Bibliotheken im Jugendalter wird sich aber mancher Erwachsene fragen, wozu es denn überhaupt Bibliotheken brauche. So beantwortet Kerstin Keller-Loibl die Frage "Zielgruppe Jugend – ja oder nein?" mit der die SBD ihre Kunden nach Bern eingeladen hat, ganz klar: "Ohne die heranwachsende Generation keine Zukunft für Bibliotheken" und nimmt dies auch gleich als Titel ihres Einstiegsreferats. Die Leseforscherin aus Leipzig berichtet über ihre Forschungsergebnisse zum Image der Bibliotheken bei Jugendlichen und gibt Ideen, wo und wie Bibliotheken aktiv werden können, um die Zielgruppe der 12 - 19-Jährigen zu begeistern.
 
Einbezug der Jugendlichen
Die von Keller-Loibl befragten Jugendlichen wünschen sich Ecken zum Verweilen, Plaudern, Spielen und Lernen. Diese Ecken dürfen durchaus auch mal ruhig sein, grün, geräumig. Gerne mit Hängematte und der Möglichkeit zum Essen und Trinken – gemütlich und einladend zum Zusammensein. Mit Computer, Musik, Filmen und ja, auf jeden Fall auch mit Büchern, die aber hauptsächlich vor Ort genutzt werden wollen. Für die Teilnehmenden der Weiterbildung die Quadratur des Kreises? Keller-Loibl rät unbedingt dazu, die Jugendlichen bei der Planung und Ausstattung beizuziehen. Der Raum wird dann zu "ihrer" Bibliothek, in die sie Freunde, auch solche aus unteren Klassen, mitnehmen. Jugendliche wollen sich ernst genommen und verstanden wissen und sind auch bereit, Verantwortung zu übernehmen, zum Beispiel als Sofapaten: ein Jugendlicher sorgt dafür, dass das extra angeschaffte Sofa immer anständig aussieht.
 
Kooperation suchen
Bibliothekare müssen nicht alles selber machen oder selber können. Sie sollen Kooperationen mit Jugendeinrichtungen und Jugendangeboten in der Gemeinde vorantreiben. Wenn die Räume der Bibliothek zu klein oder zu ungünstig gelegen sind, lautet die Empfehlung: raus gehen und sich da bemerkbar machen, wo die Jugendlichen momentan zusammenkommen. Da zählen für einmal keine Ausleihzahlen sondern die lustvolle Nutzung der verschiedenen Angebote. Hier sind neue Argumentationen und Kennzahlen gegenüber den Verantwortlichen gefragt. 
 
Patentrezept?
Fünf unterschiedliche Beispiele, wie sich Schweizer öffentliche Bibliotheken der heterogenen Zielgruppe angenommen haben, werden im Anschluss ans Hauptreferat vorgestellt. Unter der Moderation von Tobias Schelling, Fachstelle Bibliotheken Kanton Zürich, diskutieren Vertreter aus Baden, Basel, Wettswil, Wetzikon und Zürich mit den 42 Teilnehmenden. Sie berichten, wie sie die Jugendlichen in die Planung einbezogen, sie zum Malen und Zimmern aufgefordert und wie sich erfolgreiche und ganz unterschiedliche Kooperationen mit Bildungs- und Jugendorganisationen aufgetan haben. Auch der Medienbestand kommt zur Sprache: klein und fein, zielgruppenorientiert geordnet lädt er zum Kennenlernen ein und wird erfreulich viel genutzt – dies eben wie die Jugendlichen es wünschen in der Bibliothek, was sich nicht in hohen Ausleihzahlen niederschlägt. Und ja: Schäden und Lärm kann es geben, muss es aber nicht.
 
Dran bleiben, dran bleiben!
Es reicht natürlich nicht, den Jugendbereich einmal einzurichten, Benutzerordnung und Veranstaltungskalender festzulegen und dann auf die begeisterten Jugendlichen zu warten. Hier muss ständig beobachtet, ausgewertet und darauf geachtet werden, dass das Interesse immer und rechtzeitig beim Nachwuchs in den unteren Klassen geweckt wird. Denn aus den Jugendlichen werden sehr schnell Erwachsene und sind dann nicht mehr für die Jugendecke zu haben. Die Erinnerung an die Bibliothek hingegen, in der man Spass hat, Freunde trifft und Antworten auf so manche Fragen findet, bleibt hängen und bereitet den Boden für die künftige Unterstützung von Bibliotheken.
 
Zielgruppe Jugend – ja!
Unbestritten: die Zielgruppe Jugend gehört in die Bibliothek. Bloss wie, wo und wer packt wann womit an? Gestärkt durch leckere Häppchen und ermutigenden Austausch mit Kollegen treten die Teilnehmenden mit Ideen und Einsichten im Gepäck den Heimweg an. Nun geht es ans Beraten im Team und ans sorgfältige Vorbereiten der Vorstösse in der Gemeinde. Die meisten Teilnehmenden wünschen sich dafür eine Vertiefung des Themas in Folgeveranstaltungen. Die SBD freut sich über das rege Interesse und bezieht die Kundenwünsche sehr gerne in die Planung des Weiterbildungsangebots 2016 ein.
 
Heidi Bühler-Naef, SBD.bibliotheksservice ag, Leiterin Bibliothekarische Dienste
 
Prof. Dr. phil. Kerstin Keller-Loibl
Kerstin Keller-Loibl ist seit 2000 Professorin an der Fakultät Medien der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig. Sie lehrt und forscht im Studiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft, insbesondere zur Leseförderung und zur Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit.

Literaturauswahl:
  • Keller-Loibl, K.: Das Image von Bibliotheken bei Jugendlichen. Empirische Befunde und Konsequenzen für Bibliotheken, Bad Honnef: Bock + Herchen, 2012. - ISBN 978-3-88347-292-8
  • Keller-Loibl, K.; Brandt, S.: Leseförderung in Öffentlichen Bibliotheken. Praxiswissen Berlin (u.a.): de Gruyter, 2015. - ISBN 978-3-11-033688-7
  • Keller-Loibl, K.: Handbuch Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit. - Bad Honnef: Bock + Herchen, 2014, 2. vollst. erw. Aufl. - ISBN 978-3-88347-295-9
 
 
SBD.bibliotheksservice ag

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