Gemeinsam Geschichte lesbar machen

17.06.2026 | Von Birgit Libiszewski | Bestand | Aus den Bibliotheken

In der Korrekturwerkstatt e-newspaperarchives korrigieren Freiwillige fehlerhaft erkannte Zeitungstexte und tragen so dazu bei, historische Zeitungen besser lesbar und recherchierbar zu machen. Begleitet werden sie von Fachpersonen der Bibliothek, die in die Arbeit mit der Plattform einführen und bei Fragen unterstützen.

Die Universitätsbibliothek (UB) Bern hat zwischen 2015 und 2024 mehr als drei Millionen Zeitungsseiten aus der Region Bern digitalisiert. Damit ist ein Grossteil der historischen und aktuellen Zeitungstitel des Kantons Bern online zugänglich geworden.

Die digitalisierten Zeitungen stehen auf e-newspaperarchives.ch (e-newspaperarchives.ch), dem Portal für digitalisierte Schweizer Presse, frei zur Verfügung. Die Volltextsuche basiert auf automatisierter Texterkennung (OCR). Gerade bei älteren Drucken, komplexen Layouts oder beschädigten Vorlagen kommt es jedoch häufig zu Fehlern in der Texterkennung. Dadurch entstehen schwer lesbare Texte mit kryptischen Zeichenfolgen, welche die Suchgenauigkeit und damit die Nutzbarkeit des Portals beeinträchtigen.

Das Zentrum Historische Bestände (ZHB) koordiniert die Zeitungsdigitalisierung an der UB Bern. Gemeinsam mit Mitarbeitenden der Universitätsbibliothek lancierte das ZHB im Januar 2026 die neue Veranstaltungsreihe «Korrekturwerkstatt» in der Bibliothek Münstergasse.

Im Rahmen der Workshops recherchieren die Teilnehmenden zu einem vorgegebenen Thema, identifizieren fehlerhafte OCR-Erkennungen und korrigieren diese direkt im System. Auf diese Weise leisten sie einen konkreten Beitrag zur Verbesserung der Datenqualität und zur langfristigen Nutzbarkeit von e-newspaperarchives.

Das ZHB und die UB Bern verstehen die Korrekturwerkstatt als ein Citizen-Science-Projekt. Citizen Science bezeichnet die Beteiligung von Freiwilligen an wissenschaftlichen Projekten – etwa bei der Erschliessung, Überprüfung oder Verbesserung von Daten. Mit der Veranstaltungsreihe möchten wir Menschen ansprechen, die sich für Zeitgeschichte interessieren, gerne mit digitalen Ressourcen arbeiten und ihre Zeit sinnvoll für ein gemeinschaftliches Projekt einsetzen möchten.

Umsetzung
Zwischen Januar und April 2026 fanden zwei «Korrekturwerkstätten» statt, an denen insgesamt zehn Personen teilnahmen. Einige Teilnehmende kannten e-newspaperarchives bereits aus eigenen Recherchen. Für andere bot der Workshop die Gelegenheit, das vielfältige Angebot digitalisierter Zeitungstitel aus dem Kanton Bern erstmals kennenzulernen.

Jeder Workshop beginnt mit einer kurzen Einführung in e-newspaperarchives. Das Open-Access-Portal bietet freien Zugang zu digitalisierten Zeitungen aus allen vier Sprachregionen der Schweiz. Die Digitalisierung erfolgt in Zusammenarbeit zwischen der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB) und verschiedenen kantonalen Partnerbibliotheken. Ziel ist der Aufbau eines zentralen Zugangs zu digitalisierten Schweizer Zeitungen. Das Angebot wird laufend erweitert. Die meisten verfügbaren Zeitungen stammen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Die älteste verfügbare Ausgabe ist die Gazette de Berne vom 2. Januar 1692.

Im praktischen Teil des Workshops recherchieren die Teilnehmenden gemeinsam zu einem vorgegebenen Thema, beispielsweise zum Tourismus der 1960er Jahre. Dabei stossen sie immer wieder auf interessante oder kuriose Fundstellen. So wird etwa das Wort «Picknickmobiliar» durch die fehlerhafte OCR-Erkennung zu «Pieknickmobi-liar» (Bild 1).
 
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Bild 1 : Screenshot aus e-newspaperarchives.ch

In einem Artikel des Bund vom 9. Oktober 1963 ist von der Erschliessung der brasilianischen Flussinsel Bananal für den «Turismus» die Rede (Bild 2).
 
Der-Bund-1963-Bsp-Turismus.png
Bild 2: Screenshot aus e-newspaperarchives.ch

Im Workshop werden die Regeln zur Korrektur solcher Fehler gemeinsam besprochen. Wird ein Wort durch die OCR fehlerhaft erkannt, korrigieren die Teilnehmenden den Fehler direkt im Korrekturmodus. Handelt es sich hingegen um einen Orthografiefehler im Originaltext, bleibt dieser bestehen; die heutige Schreibweise wird ergänzend in eckigen Klammern eingefügt.

Nicht korrigiert werden:
  • das «scharfe ß» (z. B. «Fußball»)
  • getrennte Wörter (z. B. «Gast-arbeiter»)
  • Satzzeichen, Symbole oder Leerzeichen
Für die Teilnahme benötigen die Freiwilligen lediglich einen Laptop oder ein Tablet sowie ein Benutzerkonto für e-newspaperarchives (Startseite für Textkorrektur — e-newspaperarchives.ch).

Die Korrektur von Zeitungstexten ist grundsätzlich eine eher stille und konzentrierte Tätigkeit. Die Korrekturwerkstatt schafft deshalb bewusst einen gemeinsamen Rahmen: Interessierte arbeiten während 90 Minuten zusammen, tauschen sich aus und lernen einander kennen (Bild 3). Dadurch wird aus einer individuellen Aufgabe ein gemeinschaftliches Erlebnis.
 
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Bild 3 (Foto: Birgit Libiszewski): Texte verbessern in der Korrekturwerkstatt

Von den Textkorrekturen profitieren sowohl die Nutzenden des Portals als auch die beteiligten Institutionen. Zum Abschluss des Workshops lädt das ZHB die Teilnehmenden jeweils zu einem Apéro ein (Bild 4).
 
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Bild 4 (Foto:Birgit Libiszewski) Apero – ein Dankeschön an die Teilnehmenden

Ausblick
Die Veranstaltungsreihe «Korrekturwerkstatt e-newspaperarchives» wurde bewusst als Pilotprojekt konzipiert. Ziel war es, herauszufinden, wie gross das Interesse am gemeinsamen Korrigieren historischer Zeitungstexte ist. Gleichzeitig sollte das Angebot digitalisierter Schweizer Presse einem breiteren Publikum bekannt gemacht werden. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass ein deutliches Interesse an historischen Zeitungsartikeln sowie an der Arbeit mit den digitalisierten Beständen besteht.
 
 
Links
Webseite Recherche: Korrekturwerkstatt e-newspaperarchives - Universitätsbibliothek Bern UB
Video-Tutorial Tutorial_DE_neu_v1 on Vimeo
Bibliothekskooperation auf der nationalen Plattform Lüthi, Christian (2024): Digitalisierte Schweizer Zeitungen auf e-newspaperarchives.ch. Bibliothekskooperation auf der nationalen Plattform https://doi.org/10.5282/o-bib/5723
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