Encore ! Des histoires ! Eine mehrsprachige Strassenbibliothek der interkulturellen Bibliothek LivrEchange

14.11.2025 | Par Agnes Siegenthaler | Les bibliothèques informent | Interkulturelle Angebote| Interkulturelle Bibliotheken| Interkulturelle Bibliotheksarbeit

Seit über zehn Jahren bringt die Bibliothek LivrEchange mit ihrer Strassenbibliothek Geschichten in die Quartiere – und Menschen zusammen.

Par Agnes Siegenthaler
Agnes Siegenthaler ist Soziokulturelle Animatorin bei LivrEchange und Autorin. Sie hat Soziale Arbeit sowie Literarisches Schreiben studiert und ist bei LivrEchange co-verantwortlich für die Aktivitäten für Kinder und Erwachsene.
Die interkulturelle Bibliothek LivrEchange befindet sich bloss ein paar Schritte vom Bahnhof Freiburg entfernt. Wer eintritt, wird empfangen von einer freundlichen Atmosphäre und von Geplauder in unterschiedlichen Sprachen. Hier können Bücher in über 290 Sprachen ausgeliehen werden, entsprechend divers sind Herkunft, Hintergrund und Geschichten der Menschen, die ein und aus gehen. 

Damit auch Familien erreicht werden können, die im Alltag nicht bis zu der Bibliothek kommen, packt LivrEchange jeweils von Mai bis Oktober Bücher, Decken, Kissen, Bastelmaterialien, Spiele und Zvieri ein und fährt damit raus in andere Stadtteile und Gemeinden, um an mehreren Nachmittagen in der Woche eine mehrsprachige Strassenbibliothek anzubieten. So sollen Bücher in den verschiedenen Erstsprachen möglichst nah zu den Kindern und ihren Familien gebracht und direkt vor Ort ausgeliehen werden können.

Während zwei Stunden können die Kinder und ihre Familien Geschichten hören und lesen, basteln, spielen, Bücher ausleihen, selbst Geschichten erfinden und ein Zvieri teilen. Die Aktivitäten finden draussen statt, bei schlechtem Wetter bestehen Innenräume, die genutzt werden können. Die wöchentliche Durchführung ist wichtig für das Gelingen des Projekts, da die Familien vor allem über Mund zu Mund Propaganda und einer regelmässigen Präsenz erreicht werden. Im Jahr 2024 konnten so über 1300 Teilnahmen verzeichnet werden. Dabei nehmen vor allem Kinder im Vor-und Primarschulalter und ihre Begleitpersonen an den Aktivitäten teil. 
 
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Die Strassenbibliothek Encore ! Des histoires ! (Foto: LivrEchange)

Ein wichtiges Ziel der Strassenbibliothek ist es, die Freude am Lesen in Familien zu fördern. Bücher sollen Kinder in ihrer Freizeit begleiten, Spass machen und ganz ohne Druck zur Entwicklung ihrer Sprache beitragen. Dabei spielen die verschiedenen Erstsprachen der Familien und Kinder eine ebenso wichtige Rolle wie die Schulsprachen und werden bei den Aktivitäten von LivrEchange als eine zentrale Ressource behandelt. Die Förderung und Anerkennung sprachlicher und kultureller Vielfalt gehören zu den Grundprinzipien der Bibliothek. 

Zusammen mit einer soziokulturellen Animatorin der Bibliothek ist deswegen ein mehrsprachiges Team von Geschichtenerzählerinnen für die verschiedenen Aktivitäten zuständig. Die Geschichtenerzählerinnen sprechen in der Regel eine der Erstsprachen, die in dem jeweiligen Quartier am häufigsten vertreten sind und sie leben im besten Fall selbst vor Ort. Im Moment besteht das Team aus Personen, die Albanisch, Arabisch, Portugiesisch, Türkisch, Kurdisch, Tigrinja, Ukrainisch oder Russisch sprechen und in diesen Sprachen auch Geschichten erzählen. Die Arbeit ist bezahlt und für viele der Geschichtenerzählerinnen ein wichtiger Fixpunkt in der Woche. Für manche ist es die erste Arbeit, die sie in der Schweiz ausüben, für andere, die erste Arbeit, die ihnen Freude macht, oder in der sie ihre beruflichen Qualifikationen einsetzen können.

Die Mitwirkung der Geschichtenerzählerinnen ist für das Gelingen der Aktivität zentral, so sind sie um die Verbindung mit ihrer Sprachgemeinschaft besorgt, bringen Freund:innen und Verwandte mit und sind auch ausserhalb der Aktivitäten wichtige Ansprechpersonen. Sie sind Multiplikatorinnen, Vorbilder und Vertrauenspersonen. Die im Jahr 2017 von der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg durchgeführte Evaluation des Projekts hob hervor, dass die Mitarbeit bei der Strassenbibliothek für die Geschichtenerzählerinnen mit einem deutlichen Empowerment-Prozess verbunden ist und häufig als Sprungbrett für weitere berufliche Tätigkeiten im Vor- oder Paraschulbereich dient. 
 
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Die Strassenbibliothek Encore ! Des histoires ! (Foto: LivrEchange)

Neben der Mehrsprachigkeit gehört auch das informelle Zusammensein zur DNA der Strassenbibliothek. Denn ein weiteres Anliegen ist es, mit der Strassenbibliothek den sozialen Austausch und Zusammenhalt zwischen den Familien in einem unkomplizierten und leicht zugänglichen Rahmen zu ermöglichen. So sind mit den Kindern auch Mütter, Tanten, Väter, Grossmütter oder ältere Geschwister dabei, die sich austauschen, bei den Aktivitäten mit anpacken, und ebenfalls Geschichten vorlesen. Die Strassenbibliothek bietet die Möglichkeit, mit anderen Eltern in Kontakt zu kommen und wichtige Informationen über Vorschulangebote oder den Schulalltag zu teilen.

Zum ersten Mal wurde das Projekt 2013 im Quartier Schönberg durchgeführt. Inzwischen findet es in der Stadt Freiburg auch im Quartier Jura sowie in Quartieren in Villars-sur-Glâne, Bulle und Düdingen (unter dem Namen «Geschichtenwiese») statt. Finanziert wird das Projekt aus Geldern des Kantons, der verschiedenen Gemeinden und der Lotterie Romande. Die Strassenbibliothek versteht sich in den verschiedenen Gemeinden und Stadtteilen als Partnerin von anderen Akteuren, wie etwa Schulen, Kitas, Soziokulturellen Quartierzentren Animation und auch Bibliotheken und ist mit diesen in Austausch und Kooperation.

Gerade eben ist die 12. Saison der Strassenbibliothek zu Ende gegangen. Bücher werden wieder in die Regale der Bibliothek zurückgeräumt, Decken gewaschen und Pläne geschmiedet für das nächste Jahr. 
 
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Die Strassenbibliothek Encore ! Des histoires ! (Foto: LivrEchange)

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