Weg mit den Büchern?

12.02.2016 | Von Jeanne Froidevaux Müller | Aus der Kommission

Die Bibliothekskommission des Kantons Bern zeigte sich besorgt über ein Interview mit dem Leiter der ETH-Bibliothek, das anfangs Februar in der NZZ am Sonntag erschienen ist.

Im Zeitalter des Internets seien Bibliotheken nicht mehr nötig, meinte der Chef der ETH-Bibliothek in einem Interview, das in der NZZ am Sonntag veröffentlicht wurde: „Bibliotheken machten ja bisher nichts anderes, als für die Menschen Inhalte zu sammeln. Dieses Konzept funktioniert heute nicht mehr. Jetzt ist das Internet da. Wer Inhalte sucht, braucht keine Bibliothek mehr.“ Weiter ist zu lesen: „Wer heute einen Internetanschluss hat, aber keinen Zugang zu einer Bibliothek, ist potenziell gebildeter als jemand mit einem Bibliothekszugang, aber ohne Internetanschluss. Ich weiss von einem Chef eines deutschen Forschungszentrums, der sagt, er habe in seiner Karriere kein einziges Mal eine Bibliothek betreten.“ (NZZ am Sonntag, 07.02.2016)
 
Besorgt über die negativen Konsequenzen, die diese Aussagen für die Schul- und Gemeindebibliotheken haben könnte, verfasste die Bibliothekskommission des Kantons Bern folgende Stellungnahme:
 
Die Bibliothekskommission des Kantons Bern bedauert die Publikation dieses Interviews und ist erstaunt über eine solche Provokation von dieser Stelle. Sie distanziert sich von Herrn Balls Äusserungen; diese sind undifferenziert, oberflächlich und teilweise falsch. Der Direktor der ETH-Bibliothek will damit eine Debatte anstossen, die schon längstens geführt wird: die öffentlichen Bibliotheken sind sich der anstehenden Herausforderungen sehr wohl bewusst.
 
Die Bibliothekskommission des Kantons Bern setzt sich seit Jahren mit der Zukunft der Bibliotheken auseinander und versucht, mit beschränkten Mitteln die Schul- und Gemeindebibliotheken des Kantons zu fördern. Sie hat grosse Veränderungen begleitet und weiss, dass die meisten der Bibliotheken schon längst auf dem Weg sind, sich als moderne Informations- und Kommunikationszentren zu positionieren, oder bereits dort angekommen sind. Dank dem vielfältigen Medien- und Dienstleistungsangebot der Bibliotheken haben Kinder, Jugendliche und Erwachsene freien Informationszugang. Bibliotheken setzen sich seit Jahren dafür ein, dass die Leselust gefördert wird und dass aus den Kindern und Jugendlichen verantwortungsvolle Erwachsene werden, die in der Lage sind, verlässliche Informationen – digital und analog – als solche zu erkennen und sie entsprechend zu gebrauchen. Erwachsene, die in der Lage sind, sich differenzierte Meinungen zu bilden und fundierte Auseinandersetzungen zu führen.
 
Es ist zu hoffen, dass Balls platte Provokationen durch seine Position nicht ein allzu grosses Gewicht in der Öffentlichkeit und in der Politik erhalten und dass der schweizerischen Bibliothekslandschaft und insbesondere den Schul- und Gemeindebibliotheken kein bleibender Schaden durch sie entsteht.
 
Jeanne Froidevaux Müller, Co-Präsidentin der Bibliothekskommission des Kantons Bern
 
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