Informationskompetenz praktisch umgesetzt

20.08.2012 | Von Kathrin Amrein-Juon | Benutzung | Leseförderung | Informationskompetenz | Schule und Bibliothek

Der immensen Informationsflut sind bereits auch jüngere Kinder ausgesetzt. Als Bibliothekarinnen und Lehrpersonen können wir ihnen „von Anfang an“ vermitteln, wie sie sorgfältig mit den gefundenen Daten umgehen, abwägen, ob diese für ihre Fragen nützlich sind, sie auf Aktualität und Richtigkeit überprüfen und sie dann in geeigneter Form weiter geben. In diesem Artikel werden einige ganz praktische Übungen gezeigt, wie von Kindergarten bis Oberstufe der Umgang mit Informationen geübt werden kann.

Von Kathrin Amrein-Juon
Kathrin Amrein ist Primarlehrerin und Bibliothekarin (WB-MAS of Advanced Studies in Information Science). Sie unterrichtet als Bibliothekspädagogin einen Tag an der Volksschule in der Stadt Zürich und neu im SIKJM (Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien)als Projektleiterin „Literale Förderprojekte für Kindergarten und Primarschule“. In verschiedenen Weiterbildungs-angeboten in den Bereichen „Zusammenarbeit Bibliothek und Schule“, sowie „Informationskompe-tenz“ gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen gerne Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, sowie Lehrpersonen weiter.
Der Bär – ein Projekt mit dem Kindergarten
Kindergartenkinder wählen in der Bibliothek nicht nur schöne Bilderbücher aus, sie sind oft auch auf der Suche nach einem Buch über Dinosaurier, Mumien, Piraten, Katzen, Krokodile, Prinzessinnen, Bären oder über ein anderes interessantes Thema, das sie gerade beschäftigt. Die Kinder sind also bereits vor dem Lesenlernen an Sachthemen interessiert. Wie kommen aber Kinder, die noch nicht lesen können, zu ihren gewünschten Informationen?
 
Zum Beispiel kann beim gemeinsamen Gestalten eines „Lernplakates“ schon im Kindergarten ein Sachthema bearbeitet werden. Idealerweise geschieht das, wenn Bibliothek und Schule zusammenarbeiten, wenn die Bibliothekarin/der Bibliothekar und die Lehrperson miteinander kommunizieren und die Aufgaben den entsprechenden Fähigkeiten und Ressourcen entsprechend aufteilen. 

Das vorliegende Beispiel zeigt ein Plakat zum Bären. In vier Lektionen hat die Bibliothekarin in Absprache mit der Kindergartenlehrperson mit einer Gruppe von fünf Kindergartenkindern, die sich für den Bären interessiert haben, ein Lernplakat gestaltet. Die Kinder, die noch gar nicht oder erst ganz wenig lesen und schreiben können, haben vielfältige Informationen zum Bären zusammengetragen, Wichtiges gezeichnet und Bilder dafür ausgewählt und aufgeklebt. Die Bibliothekarin hat zuerst aus verschiedenen Sachbüchern und aus dem Internet kurze Texte vorgelesen oder erzählt, zusammen haben sie kurze Filme über Bären auf Youtube angeschaut und besprochen. Anschliessend hat die Bibliothekslehrerin als „Skriptorin“ aufgeschrieben, was die Kinder ihr diktiert haben. Zusammengekommen ist ein Dokument mit für die Kinder im Moment wichtigen Informationen, illustriert mit eigenen Zeichnungen und Fotos.
 
Das Plakat hat später im Kindergarten den „Spezialisten für Bären“ geholfen, ihren Mitschülerinnen und Mitschülern das Wesentliche über Meister Petz zu erzählen.
  
Bildersuche im Internet für Kinder der zweiten Klasse? Ja, das macht Sinn und Spass!
Sobald die Kinder erste Wörter lesen und auch schon ein wenig schreiben können, bieten sich neue Möglichkeiten bei der Informationsbeschaffung und -verarbeitung. Zum Beispiel können Kinder, die erst wenig lesen und schreiben können, in der Google-Bildersuche das Suchen von geeigneten Fotos üben. Im Suchfeld das Suchwort, bzw. die Suchwörter eingeben, das passende Bild auswählen, kopieren, in ein Word-Dokument einsetzen, die richtige Grösse wählen und dann farbig ausdrucken – dies schaffen die meisten Zweitklässler schon nach einer kurzer Einführung. Und sie machen das sehr gerne!
 
Vom Nachschlagen zum Recherchieren (3.-5. Kl.)
Neben ersten Schritten im Internet (wie zum Beispiel der vorher beschriebenen Bildersuche) soll aber auch immer wieder das Nachschlagen in Printmedien, also in Wörterbüchern und Lexika geübt werden. Auf dem Arbeitsblatt (Beilage 1: AB Wörterbuch oder Lexikon) wird im ersten Durchgang bestimmt, welche Quelle - Wörterbuch oder Lexikon, die gestellte Frage besser beantworten kann. Im nächsten Durchgang wird das Suchwort bestimmt. Beim Beispiel 2: „Wie viele Einwohner hat die Schweiz?“, ist die Wahl des Suchworts schon nicht mehr so einfach: Wer „Einwohner“ statt „Schweiz“ verwendet, wird im Lexikon keine passende Antwort finden. Im dritten Arbeitsschritt werden dann die Fragen mit Hilfe der Quellen beantwortet. Die Schülerinnen und Schüler sollen von Anfang an erfahren, dass es wichtig und nötig ist, exakte Quellen anzugeben. Dabei entsteht ein kleines erstes Rechercheprotokoll.
 
Lexikon oder Internet? (5.-8. Kl.)
Ganz ähnlich können das Nachschlagen in einem Lexikon und das Suchen im Datenmeer des Internet eingeübt und miteinander verglichen werden (vgl. Beilage 2: AB Lexikon oder Internet). Bei diesem Setting erhält die Hälfte der Schüler/innen die Fragen, mit dem Auftrag, diese durch Nachschlagen in einem (Print-) Jugendlexikon zu beantworten. Die andere Hälfte soll im Internet die richtigen Antworten finden.
 
Bei beiden Suchen sind die Suchbegriffe wichtig und ausschlaggebend für eine erfolgreiche Recherche. Während bei der Suche im Lexikon das eine richtige Suchwort verwendet werden muss, macht es bei der Online-Recherche oft Sinn, mehrere treffende Begriffe einzusetzen. Die Wahl der Suchwörter ist für die Treffermenge, sowie die Qualität der Treffer in einer Suchmaschine entscheidend. Je mehr Begriffe eingegeben werden, desto kleiner wird die Menge der Treffer. Die Eingabe zusätzlicher Begriffe wie „Schule“ und evtl. auch „Kinder“ hilft, die Treffermenge zu verringern und auf Informationen zu fokussieren, die den Schülerinnen und Schülern weiter helfen, die sie verstehen und  nutzen können.
 
Die Antworten auf die Fragen werden anschliessend verglichen und diskutiert. Die Frage: „Welche Fragen sind eher fürs Internet geeignet?“, kann relativ einfach beantwortet werden. Es sind dies Fragen, deren Antworten möglichst aktuell sein sollen, wie zum Beispiel die Frage nach der jetzigen Einwohnerzahl der Schweiz.

Das Lexikon ist für Fragen geeignet, deren Antworten sich in der Regel nicht verändern, wie die Höhe des Mount Everests. Aber auch hier geben verschiedene Lexika verschiedene Antworten. Der Vergleich der Antworten kann auch da sehr spannend sein, weil dabei deutlich wird, dass nicht allem Gedruckten vorbehaltlos geglaubt werden kann.
 
Solche Übungen machen Spass, vor allem natürlich, wenn im zweiten Durchgang im anderen Medium gesucht  werden muss. Spannend ist das auch mit Fragen, die die Schüler/innen selber stellen. Auch könnte es sich bei diesen Übungen lohnen, mal mit der Stoppuhr zu messen, für welche Recherche mehr Zeit benötigt wird.
 
Sachbücher unter der Lupe (3.-6. Kl.)
Der gezielte Einsatz von Sachbüchern ist für das Finden von benötigten Informationen nach wie vor wichtig und muss geübt werden. Wofür kann man das Inhaltsverzeichnis brauchen, was nützt mir ein Register (auch Index, Schlagwortverzeichnis, etc.), und wozu dient ein Glossar (kleines Lexikon, Wörterverzeichnis, etc.)?
 
In der Bibliothek kann der Auftrag lauten: „Sucht irgendein Sachbuch, das ein Inhaltsverzeichnis, ein Register und wenn möglich auch ein Glossar enthält.“ Eine interessante Aufgabe kann auch sein, herauszufinden, ob man allein beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses den Titel des Sachbuches erraten kann.
 
Wie könnte der Titel dieses Sachbuches lauten?  (Lösung am Ende des Artikels)
 
Im beiliegenden Arbeitsblatt (Beilage 3: AB Inhaltsverzeichnis) können die Schüler/innen
Ausschnitte aus Inhaltsverzeichnissen den passenden Covers zuordnen.
 
Was? Wo? Wie? Ein Suchspick hilft beim selbständigen Recherchieren (3.-6. Kl.)
Beim selbständigen Recherchieren in der Bibliothek kann allenfalls ein „Suchspick“ Hilfe leisten. (Beilage 4: Suchspick) . Nach dem Muster: Was suche ich? Wo suche ich? Wie suche ich? sind da kurz und bündig die wichtigsten Hilfen zusammengestellt. Das Festlegen, wonach ich eigentlich suche, ist gar nicht so einfach. Das Eingrenzen des (Vortrag-) Themas ist für die meisten Kinder schon eine grosse Herausforderung. Das Einschränken des Themas auf drei bis vier Unterthemen (bei einer Automarke zum Beispiel: Logo. Geschichte und  verschiedene Modelle) macht den meisten Kindern anfangs Mühe, viel lieber würden sie einfach alles erzählen, was sie wissen oder herausgefunden haben. Schon kleine Kinder lernen aber auf diese Weise ihre neu gewonnen Erkenntnisse zu strukturieren. Das Festlegen von den Unterkapiteln hilft auch beim Recherchieren. Werden die Suchwörter mit dem Unterthema ergänzt, ist auch die Treffermenge kleiner und passender. Dieser Such-Spick ist dann besonders hilfreich, wenn er beim Klassenbesuch in der Bibliothek bereits eingeführt worden ist und die Schüler/innen die einzelnen Recherche-Schritte bereits kennen und  geübt haben.
 
Informationskompetenz von Anfang an? Ja, sicher!
Die Kinder können also von klein auf in ihrer Informationskompetenz gefördert werden. Das gelingt leichter, wenn Schulen mit Bibliotheken zusammenarbeiten. Wichtig ist, dass wir als Bibliothekarinnen oder Lehrpersonen genau zuhören, was die Schüler/innen wirklich brauchen. Auch in diesem Bereich ist der Grundsatz „Weniger ist mehr“ angebracht. Die Kinder müssen nicht möglichst viele Suchmaschinen kennen. Nützlicher ist es,  wenn sie wenige, dafür für sie nützliche Onlineressourcen kennen und zudem auch lernen, wie sie in Google effektiv suchen können.
 
Das biblioheft (KG-6. Kl.)
Weitere praktische Beispiele für das Üben der Informationskompetenz finden Sie im biblioheft. Dieses Lehrmittel stützt sich auf den Lehrplan des Kantons Zürich und bildet eine Brücke zwischen den Bildungspartnern Schule und Bibliothek. Es hilft, die Zusammenarbeit zu strukturieren und gemeinsam Leselust und Informationskompetenz bei Primarschulkindern zu fördern.

Die Einzelhefte 1-7 (Kindergarten bzw. Grundstufe bis 6. Klasse) laden die Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrpersonen ein, in Zusammenarbeit mit der Bibliothekarin wichtige Lernziele zu erreichen. Fünf Aufgaben pro Heft verlocken zum vielfältigen Lesen in verschiedenen Medien, mit fünf weiteren Aufträgen werden die Schülerinnen und Schüler sorgfältig beim Aufbau von Informationskompetenz unterstützt.

Die Lehrpersonen und die Bibliothekarinnen und Bibliothekare finden im Handbuch konkrete Lektionsvorschläge zu den Lernzielen und eine Fülle von weiterem Material für die lustvolle Arbeit in der Bibliothek. Die Aufgaben im biblioheft werden je nach Thema in der Quartierbibliothek, in der Schulbibliothek, zu Hause oder im Klassenzimmer gelöst.

Interessierte können das biblioheft unter  http://bibliotheken.winterthur.ch-/lesefoerderung/schulisch/biblioheft  beziehen.

Weitere Beispiele dafür, wie Schule und Bibliothek Kinder beim Aufbau von Informationskompetenz unterstützen können finden sich z.B. in folgenden Artikeln:

"Information Literacy: Sachtexte lesen und schreiben in Schule und Bibliothek", von Elsbeth Büchel, Ursina Gloor und Dieter Isler, erschienen in "Unterricht konkret" Nr. 3/2007.

Link zum Artikel ►

"Bibliothek macht Schule" von Ursina Gloor, Jean-Philippe Gerber, Elsbeth Büchel, Christian Brassel, Kathrin Amrein-Juon, erschienen 2006 im educaguide Literacy: Lesen, Schreiben und neue Medien, Theoretische Einführung in Literacy-Konzepte und Umsetzungsprojekte für die Förderpraxis

Link zum Artikel ►

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Lernzielübersicht zum Aufbau von Information Literacy  im pdf-Format ►
 


Lösung: Der gesuchte Titel heisst "Tierbauten":