Das Phantom der Münstergasse

08.08.2023 | Von Céline Graf | Benutzung | Bestand | Bestandesvermittlung| Online-Angebote | Bibliothek Münstergasse

Die Bibliothek Münstergasse der Universitätsbibliothek Bern hat im Rahmen einer Masterarbeit ein Online-Escape-Room-Spiel entwickelt, mit welchem sie ihre Bestände besser vermitteln und die Recherchekompetenzen der Bibliotheksnutzerinnen und –nutzer verbessern möchte.

In Escape-Rooms befreien sich die Spielenden mithilfe von Rätseln aus einem Raum. Das Format ist auch als Mystery-, Adventure- oder Breakout-Room bekannt und war bis vor rund 15 Jahren vorwiegend als kommerzielle Freizeitaktivität anzutreffen. Inzwischen wird es vermehrt in der Kulturvermittlung und Bildung eingesetzt. Besonders für Bibliotheken sind solche «Educational Escape Rooms» interessant. Die immersive Spielanlage weckt die Neugier an Beständen und fördert Informations- und Recherchekompetenzen. Das haben erste Versuche an Hochschulen in den USA und Grossbritannien gezeigt.
 
Auf der Basis von informationswissenschaftlichen und medienpädagogischen Befunden zu diesem Spieltypus habe ich im Rahmen meiner Masterarbeit an der Fachhochschule Graubünden für die Universitätsbibliothek Bern einen Online-Escape-Room entwickelt. Als Zielgruppe definierte ich Berufstätige, die ein zentrales Publikum der Bibliothek Münstergasse darstellen und altersmässig divers sind. Die Stichprobe umfasste zehn Personen aus den Branchen Medien, Lehre und Kultur, die im Kanton Bern arbeiten. Zur Evaluation wertete ich Livebeobachtungen von Spieldurchläufen und Interviews mit den Probandinnen und Probanden aus. Mit dieser aufwändigen Methodenkombination liess sich ergründen, inwiefern digitale Lern-Escape-Rooms einerseits das Interesse an Bibliothekssammlungen und Onlinearchiven fördern und andererseits den Nutzenden helfen, Datenbanken und Suchmaschinen zu bedienen.

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Fotografien der früheren Bibliotheksgalerie in Bern prägen die Kulisse des Online-Escape-Rooms «Das Phantom der Münstergasse». (Bild: CC0 1.0 / Vollenweider, Moritz Emil / 19. Jh. / Burgerbibliothek Bern / FP.H.30)


Vor allem die historischen Bilder und Dokumente, die das Spiel der Bibliothek Münstergasse prägen, fingen die Aufmerksamkeit der Testpersonen ein. Als unterhaltsam und spannend empfanden sie auch das Eintauchen in die Gespenstergeschichte, die um 1900 angesiedelt ist. Auf die Idee, die ehemalige Bibliotheksgalerie als virtuellen Schauplatz zu nutzen, brachten mich alte Fotografien. Der Saal mit Ritterrüstungen, düsteren Möbeln und Staub in der Luft wirkt geheimnisvoll.

Ein Escape-Room besteht aus Rätseln. Sie so zu formulieren, dass sie einen Lerneffekt haben, ist der Knackpunkt. Im Experiment war zu sehen, dass die Leute gerne rätseln und Probleme lösen, aber auch schnell frustriert sind und abschalten, wenn sie nicht weiterkommen. Es ist knifflig, das richtige Level für die Aufgaben zu finden. Nur dann entsteht ein Spielfluss.

Im Unterschied zur analogen Variante ist beim Online-Escape-Room zudem das Einbinden von Tipps und Hilfestellungen schwieriger, weil keine menschliche Moderation anwesend ist. Die schriftlichen Hinweise sollten so klar wie möglich sein, ohne dass das Spielgefühl verloren geht.

 
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In dieser Aufgabe muss ein Telefonbuch über DigiBern.ch gefunden werden. (Screenshot: zvg)
 

Was mich überraschte: Auf den Plattformen der Bibliothek zu stöbern, machte einigen Leuten derart Spass, dass sie nicht schnell hinauswollten, was ja das Ziel von Escape-Rooms wäre. Darum habe ich die Dramaturgie verändert – nun kommt erst am Ende ein versteckter Schlüssel vor. Auch wird die Zeit nicht gestoppt, wobei die durchschnittliche Spieldauer (30 Minuten) in der Anleitung steht.

Weiter hat die Untersuchung ergeben, dass unser Recherchegame ein breites Publikum anspricht. Beispielsweise möchten es Lehrpersonen und Dozierende im Unterricht einsetzen. Alle Befragten nehmen aus dem Spielen neue Suchideen oder -strategien mit. Und gerade regionale Ressourcen, etwa die Berner Telefonbücher bei DigiBern.ch und E-Rara.ch, knüpfen Bezüge zu den Lebenswelten der Spielenden. Da ist es praktisch, dass das Quizformular von Google, mit dem das Spiel gestaltet ist, auch für ältere Generationen leicht zu bedienen ist.

Insgesamt zeichnen der niederschwellige Zugang zur Bibliothek sowie die Mischung aus Erzählung, Rätseln und Quellenmaterial dieses Krimispiel aus. Das «Phantom der Münstergasse» ist seit März 2023 online und wird fast täglich angeklickt. Eine zweite Folge kann ich mir demnach gut vorstellen, falls die Detektivbegeisterung anhält.

Céline Graf, Bibliothek Münstergasse der Universitätsbibliothek Bern, Information & Schulungen 
   
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