Öffentlichkeitsarbeit, Generation Plus und interkulturelle Bibliotheksarbeit

21.08.2017 | Von Silvia Heizmann | Personal | Aus- und Weiterbildung| Generation 60 plus| Interkulturelle Bibliotheksarbeit| Öffentlichkeitsarbeit

SAB Abschlussarbeiten führen vor, wie mit aktuellen Herausforderungen umgegangen werden kann.

In Dreiergruppen haben sich die Teilnehmerinnen und ein Teilnehmer des Berner Grundkurses SAB während eines halben Jahres vertieft mit einem Thema auseinandergesetzt und für ihre jeweiligen Bibliotheken umgesetzt. Die folgenden drei Arbeiten geben Einblick in wichtige Themen, die kleine und mittlere Bibliotheken aktuell beschäftigen. Gemeinsam ist ihnen das Anliegen, die Position der Bibliothek zu stärken und diese als (dritten) Ort attraktiver zu machen.
 
Wie zentral, ja teilweise existentiell Öffentlichkeitsarbeit ist, zeigt eine der drei Gruppenarbeiten in den Facetten Eventmanagement, Medienarbeit und Krisen-PR auf. Dass Öffentlichkeitsarbeit ein gegenseitiger Prozess ist, in dem es einerseits um das Bekanntmachen von Dienstleistungen und Angeboten einer Bibliothek geht, dass für ein Gelingen aber immer auch die Bedürfnisse der Bezugsgruppen bekannt sein und berücksichtigt werden müssen, das zeigen auch die beiden anderen Arbeiten auf, in denen die Erreichbarkeit bestimmter Zielgruppen zentral thematisiert wird: Wie kann eine Bibliothek für ältere Menschen und für Menschen mit Migrationshintergrund attraktiv gemacht werden?
 
Die Lösungsansätze sind jeweils auf die Bibliotheken der AutorInnen zugeschnitten. Die Vorgehensweisen, die geschaffenen Instrumente und Übersichtslisten können jedoch auch anderen Bibliotheken als Anregung dienen.
 
Stärkende Öffentlichkeitsarbeit
 In der Abschlussarbeit „Stärkende Öffentlichkeitsarbeit in Bibliotheken“ gehen Linda Bieri, Rita Bieri und Bettina Guhl vom Ist-Zustand ihrer jeweiligen Bibliothek aus, der in übersichtlich gestalteten Tabellen mit Eckwerten aufgezeigt wird. Sorgfältig erstellte Zeit- und Sachbudgets beziffern den Aufwand für die in der Arbeit vorgestellten Projekte.
 
  • Die Schul- und Gemeindebibliotheken Wasen und Sumiswald kämpfen mit abnehmender Kundschaft. Linda Bieri versucht in Wasen mittels eines gut geplanten Lesewettbewerbs „Eine Bibliothek liest um die Welt“ auch unter den Erwachsenen neue Mitglieder zu finden. Durch die geschickte Nutzung verschiedener Informationskanäle (Schaukasten, Informationsschreiben, Webseite, Lokalpresse, persönliche Gespräche) sorgt sie dafür, dass ihre Bibliothek „in aller Munde“ ist.  
  • In Sumiswald möchte Rita Bieri in einer ersten Phase vermehrt Vorschulkinder für die Bibliothek gewinnen. Mit dem Leseförderungsprojekt „Gschichte-Seckli“ werden Säckchen angeboten, die jeweils Material enthalten, um eine Geschichte nachzuspielen. Das neue Ausleihangebot, das den Zugang zum Kinderbuch verstärken soll, wird mit attraktiv gestalteten Flyern (inkl. Urheberrechtsabklärung), verschiedenen Anlässen, Mund-zu-Mund-Propaganda und lokalen Presseberichten begleitet.  
  • In Bönigen ist gute Öffentlichkeitsarbeit existentiell, da der Gemeindebibliothek Sparmassnahmen drohen. Um den Wert der Bibliothek gezielt ins rechte Licht zu rücken, erstellt Bettina Guhl zuhanden des Gemeinderates ein Dossier und präsentiert es persönlich. Es zeigt die Geschichte und Leistungen der Bibliothek auf. Mit Richtlinien- und konkreten Vergleichen werden die gut lesbar aufbereiteten Zahlen und Fakten kontextualisiert. Ein Argumentarium in sechs Teilen zeigt den Nutzen der Bibliothek für die Gemeinde auf und überzeugt schliesslich auch den Gemeinderat (Medienbericht).
 
 

Generation Plus  
Mit der Zielgruppe ältere Menschen setzen sich Franziska Heiniger, Kerstin Lutiger und Therese von Weissenfluh in ihrer Abschlussarbeit „Bibliotheksangebote für und mit der Generation Plus“ auseinander. Sie analysieren die aktuellen Angebote in ihren Bibliotheken und zeigen Optimierungspotentiale auf.
 
  • Franziska Heiniger resümiert erste Erfahrungen mit dem Pilotprojekt Bibliotheksbesuche im Altersheim in Huttwil.  
  • Kerstin Lutiger von der deutschsprachigen Bibliothek Nidau stellt die von Pensionierten durchgeführten Deutschkurse für Migrantinnen und Migranten vor und macht Überlegungen zum interkulturellen Bibliotheksangebot.  
  • Therese von Weissenfluh reflektiert den Kurierdienst der Bibliothek Spiez für ältere oder in ihrer Mobilität eingeschränkte Personen und stellt die hierfür verstärkt geplanten Massnahmen zur Öffentlichkeitsarbeit vor. Ebenfalls einbezogen werden frühere Erfahrungen der Bibliothek Spiez mit der Teilnahme am Prix Chronos, einem generationenübergreifenden Leseförderungspreis.
 
Auf der Suche nach weiteren Angeboten und Erfahrungen anderer Bibliotheken hat v.a. der „Grosselternkoffer“ die drei Verfasserinnen angesprochen. In diesem Medienkoffer befindet sich ein thematisch zusammengestelltes Angebot für Grosseltern und ihre Enkelkinder, das natürlich auch von Paten und Tanten usw. ausgeliehen werden kann. Die Autorinnen erarbeiten gemeinsam ein Grundgerüst und erstellen je einen Musterkoffer passend für die Bedürfnisse ihrer Bibliotheken. Die Suche nach Sponsoren macht sich bezahlt: Ein Gönnerbeitrag unterstützt die Einführung dieses neuen Angebotes. Ein Medienbericht macht das Angebot weitum bekannt.


Interkulturelle Bibliotheksarbeit 
Die Abschlussarbeit „Welcome to Wohlhöchjegi!“ von Vera Stehlin, Martin Häsler und Silvia Heizmann befasst sich mit der Frage, wie interkulturelle Bibliotheksarbeit auch in kleineren öffentlichen Bibliotheken umgesetzt werden kann. Die AutorInnen recherchieren das Thema ausführlich im nationalen und auch internationalen Kontext und stellen in einem umfangreichen Anhang verschiedene Ressourcen zum Thema zur Verfügung (Glossar, Argumentarien, Checklisten usw.). Mit ihrer Arbeit möchten sie explizit Anregungen für andere Bibliotheken geben.
 
  • In der Gemeindebibliothek Jegenstorf setzt Vera Stehlin dank der positiven Einstellung der Bibliotheksleiterin, der Deutschkoordinatorin der Asylunterkunft und der Unterstützung von Bibliomedia ein "Willkommen! - Ihre Bibliothek"-Projekt für Asylsuchende um. Je eine Bücherbox in der Asylunterkunft und in der Bibliothek bilden das neue Angebot, welches mit entsprechenden Begleitmassnahmen bekannt gemacht wird (Bericht Newsletter (pdf)).  
  • In Wohlen kann Martin Häsler über den Verein Bücherbox Medien für das Asylzentum beziehen. Durch die Zusammenarbeit mit der Wohlener Flüchtlingsaktion erreicht er ausserdem, dass diese die Kosten der regulären Bibliotheksabonnemente von Flüchtlingen übernimmt. Als neugebackener Leiter der Gemeindebibliothek entwirft er verschiedene Zukunftspläne, z.B. mittelfristig eine Person mit Migrationshintergrund ins Team aufzunehmen.  
  • Silvia Heizmann macht für die Schul- und Gemeindebibliothek Grosshöchstetten eine systematische Bedarfsabklärung, die das Vernetzungspotential und Ansatzpunkte für interkulturelle Bibliotheksarbeit aufzeigt. Mit der Überarbeitung der Mondomedia-Checkliste (pdf) hat sie zudem eine Anregungs-Liste geschaffen, die auch Teams in kleineren Bibliotheken ermutigen soll, sich auf das Thema einzulassen und in ihren Bibliotheken zu verankern.  
 

Aktuelle Bibliotheksarbeit – Antworten auf gesellschaftliche Veränderungen 
Alle Projekte wurden mit grossem Aufwand und viel Engagement erarbeitet. Dabei wird ersichtlich, wie aktuell und brisant die gewählten Themen sind und auch wie sehr sie ineinandergreifen. Die Arbeiten geben Einblick, mit welchen Mitteln kleinere und mittlere Bibliotheken ihre Bedeutung als Kultur- und Begegnungsort kreieren und stärken können. Ein offenes politisches Klima, vielfältige Kooperationen und persönliche Kontakte, Angebots- und Bedarfsanalysen, ein tragendes Team, eine überzeugte Bibliotheksleitung und viel Offenheit entpuppen sich dabei als Kern- und Knackpunkte gelingender Bibliotheksarbeit.
 
Indem Bibliotheken niederschwellig und attraktiv gemacht werden und auch schwächeren sozialen Gruppen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, können sie zu einem wichtigen Ort sozialer Inklusion in einer zunehmend vielfältig und vielfältig älter werdenden Gesellschaft bzw. Gemeinde werden – und damit an gesellschaftlicher und politischer Legitimation gewinnen.
 
Silvia Heizmann
 
Für weitergehendes Interesse stehen die Autorinnen und der Autor gerne zur Verfügung. Zur Kontaktaufnahme wenden Sie sich bitte an die Studienleitung des Grundkurse SAB Bern (Judith Manz, Pädagogische Hochschule Bern, judith.manz@phbern.ch, 031 / 309 27 81).