Stadtbibliothek als "Dritter Ort“

19.02.2014 | Von Clemens Moser | Benutzung | Aus den Bibliotheken | Raum und Infrastruktur | Bibliothek als Ort | Bibliotheksangebote | Kundenorientierung

Die Stadtbibliothek Biel auf dem Weg in die Zukunft

Von Clemens Moser
Clemens Moser absolvierte eine Ausbildung zum Diplombibliothekar und nach Tätigkeiten im Informatikbereich den Kurs für wissenschaftliche Bibliothekare in Zürich. 1994-2004 war er Abteilungsleiter in der ZB Zürich und 2004-09 stv. Kantonsbibliothekar an der Aargauer Kantonsbibliothek Aarau. Seit 2009 ist er Direktor der Stadtbibliothek Biel.
Im Rahmen des Strategieprozesses der Stadtbibliothek Biel beschäftige sich eine Arbeitsgruppe mit dem Thema „Stadtbibliothek als Dritter Ort“.  Das Projekt stand unter dem Leitmotiv „Wir passen die Räumlichkeiten den neuen Entwicklungen an; Infrastruktur, Qualität und Lage der Bibliothek müssen für einen Ort der Begegnung geeignet sein“.
 
1. Auftrag
Zum Auftrag gehörte es, Kriterien für ideale Räumlichkeiten für die Bibliothek der Zukunft festzulegen, Ideen zu entwickeln für einen neuen Standort, eventuell auch zusammen mit andern Institutionen, aber auch zu prüfen, wie die Räumlichkeiten am aktuellen Standort anders genutzt werden können, z.B. mit Zonen fürs Arbeiten, Lesen, Diskutieren, Verpflegen. Dabei sollte auch die Präsenz der Bibliothek im öffentlichen Raum gestärkt werden. 
 
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Ansichten der Mediothek im französischen Lons le Saunier

Als Resultat des Auftrags sollte ein Konzept entstehen, das die Stadtbibliothek Biel als Dritten Ort präsentiert, aufzeigt, wie eine Realisierung aussehen könnte, und entsprechende Massnahmen und Entscheidungsgrundlagen vorschlägt.
 
2. Projektteam
Das Projektteam setzte sich aus zehn Personen zusammen (zwei Mitglieder des Stiftungsrates, die Direktion sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den drei Abteilungen Kinder- und Jugend, Erwachsene und Mediothek).

3. Zusammenfassung
Das Projektteam Dritter Ort beschäftigte sich mit folgenden Fragen:
  • Wie könnte ein Dritter Ort aussehen?
  • Welche Eigenschaften und Angebote, die für einen Dritten Ort typisch sind, weist die Bibliothek bereits heute auf?
  • Was würde es für die Stadtbibliothek bedeuten, ein Dritter Ort zu werden oder bereits Vorhandenes weiter auszubauen?
  • Welche Risiken und Chancen sind damit verbunden? 
Das Team kam zum Schluss, dass eine schrittweise Weiterentwicklung als Dritter Ort mit geeigneten und machbaren Massnahmen sinnvoll erscheint.
   
 
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4. Die Ergebnisse der Workshops
Im Rahmen von vier Workshops wurden Erkenntnisse zum Thema Dritter Ort gesammelt, die Ist-Situation in der Bibliothek analysiert und Vorschläge für die Realisierung einer Bibliothek als Dritter Ort unter Berücksichtigung von Vor- und Nachteilen diskutiert.
 
Beim ersten Workshop, am 24. Oktober 2012, wurden im Projektteam der Auftrag  und die Ziele des Projektes erläutert und mit ersten Begriffsbeschreibungen versucht, Charakteristiken eines Dritten Orts festzuhalten. Dazu gehören insbesondere der soziale Aspekt (ein Dritter Ort ist neben dem Ersten Ort, dem Zuhause und der Familie, dem Zweiten Ort, dem Arbeitsplatz, ein Ort der Begegnung, ein Raum für den sozialen Austausch), die Ambiance, welche für die Begegnung förderlich sein soll, die entsprechende Architektur mit den nötigen Einrichtungen, die Förderung sozialer Netzwerke, unter anderem auch die Vernetzung zu Schulen und andern Institutionen.

Am zweiten Workshop vom 28. November 2012 wurde versucht, die Stadtbibliothek Biel an den Kriterien eines Dritten Orts zu messen.
 
Bezüglich des Zugangs zur Bibliothek wurde festgestellt, dass dieser für einen Dritten Ort die Anforderungen nicht erfüllt. Es gibt verschiedene Eintrittspforten zur Bibliothek und der Zugang ist nicht unbedingt einladend.
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Das wohl bekannteste Beispiel eines Dritten Orts in der Schweiz, das „Rolex Learning Center“ in Lausanne, zeichnet sich durch eine „starke“, prägende Architektur aus. Das kann von der Stadtbibliothek Biel kaum gesagt werden. Je nach Gesichtswinkel ist die Bibliothek von aussen mehr oder weniger wahrnehmbar. Die Verteilung auf mehrere Etagen wird als Nachteil empfunden.
  
Als weiteres wichtiges Kriterium wurde die Ambiance (Komfort, Lichtverhältnisse, Begegnungszonen) diskutiert. Dabei wurde festgehalten, dass in der Bibliothek eine zunehmende Besucherzahl vorhanden ist (bei abnehmender Anzahl Ausleihen), und dass die Bibliothek von zahlreichen Kunden auch als Ort der Begegnung, des Austauschs und der Freizeitgestaltung genutzt wird. Insgesamt fehlt es jedoch an Platz. Gemütliche Ecken mit Fauteuils sowie eine Kaffeeecke fehlen. Mehr Arbeitsplätze, sowohl für Einzelne wie für Gruppen, sind gefragt.

Die Lage der Bibliothek hat Vor- und Nachteile. Zwar sind wir im Stadtzentrum gelegen, es fehlt jedoch an Parkplätzen in unmittelbarer Nähe. Positiv ist sicher die gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Fahrrad. 
 
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Am dritten Workshop vom 16. Januar 2013 wurden die diskutierten Kriterien und Aktivitäten wieder aufgenommen und vertieft. Zusammenfassend wurde festgestellt, dass in der Stadtbibliothek Biel zahlreiche Merkmale eines Dritten Orts vorhanden sind und auch viele stattfinden.
 
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Signierstunde mit dem EHC Biel
 
Im Workshop wurden dann Cluster gebildet, in welchen die Aktivitäten nach „ruhigen Tätigkeiten“ (individuell, ICH) und „lauten Tätigkeiten“ (sozialer Austausch, WIR) sowie Infrastruktur (Dienstleistungen) zusammengefasst wurden. Die Einordnung in die Grundrisspläne des Gebäudes zeigen, dass sich die verschiedenen Zonen eines Dritten Orts im Gebäude verteilen, nicht klar ausgeschieden und daher für die Kundschaft auch nicht als solche erkennbar sind.
 
Der vierte Workshop diente dazu, den Blick nochmals etwas zu öffnen und der Frage nachzugehen, wie die Bibliothek in zehn Jahren aussehen könnte. Hier einige Aussagen: „Es wird immer noch Bücher geben! Die Besucherzahl wird steigen. Die Besucher könnten schwieriger (Wünsche, Verhalten, Ansprüche) werden! Die Gefahr von Vandalismus nimmt zu, auch für Bibliotheken! Informationen sind gefragt, während 24 Stunden an 7 Tagen die Woche! Die Kosten werden steigen! Die Entwicklung zu digitalen Medien ist nicht aufzuhalten! Die Bibliothek muss lernen, mit einer komplexeren und chaotischen Welt umzugehen! Es wird ein Spannungsfeld zwischen virtueller und realer Welt entstehen; dies ist als Chance zu betrachten. Der Ort der Begegnung könnte als Gleichgewicht/Ausgleich zwischen den beiden Polen stehen! Mehrdimensional denken: Bücher lesen, hören, schauen – und besprechen, diskutieren, Erfahrungen austauschen!“
 
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Das Projektteam hat sich dann mit einer SWOT-Analyse (Strengths/Stärken, Weakness/Schwächen, Opportunities/Chancen, Threats/Bedrohungen) die Frage gestellt, wie die Entwicklung der Bibliothek als Dritter Ort die Stärken und Schwächen der Bibliothek beeinflussen würde, und ob mit einer Entwicklung in diese Richtung Chancen besser genutzt werden könnten, oder gar bestehende Risiken verstärkt würden.
 
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5. Schlussfolgerungen und Massnahmenvorschläge
Die Schwächen „Platzmangel“, „unübersichtliche Raumanordnung“, „zu hohe Tarife“ und die Risiken „knappe Finanzen“, „verstärkte Konkurrenz beim Angebot“ verschlechtern in ihrer Kombination die Situation der Bibliothek.
 
Die Entwicklung als Dritter Ort kann als Massnahme diese Problematik nicht lösen. Im Gegenteil, die Schwächen würden sich eher noch verstärken und die Risiken zunehmen. Einzig das Risiko „verstärkte Konkurrenz beim Angebot“ könnte mit dem Dritten Ort gemindert werden.

Die Entwicklung eines Dritten Orts müsste also mit andern Begleitmassnahmen unterstützt werden, beispielsweise mit der Senkung der Raumkosten, zusätzlichen Räumlichkeiten, Kooperation mit andern Institutionen, Erschliessung zusätzlicher finanzieller Mittel. Die Stärken der Bibliothek wie „Bilinguisme“, „guter Info-Desk“, „gute Reputation“ und „Veranstaltungen“ kombiniert mit den Chancen der gesellschaftlichen Entwicklung zu einer „Wissensgesellschaft“, der Entstehung eines „Campus“ in Biel und dem „Ausgleich zwischen virtueller und realer Welt“ stärken die Position der Bibliothek und könnten ein gutes Feld bieten für die Entwicklung des Dritten Ortes.
 
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Als Schlussfolgerung kann daraus gezogen werden, dass die bereits vorhandenen Angebote als Dritter Ort durchaus sinnvoll sind und weiter ausgebaut werden können. Das Augenmerk muss sich allerdings auch auf die Schwächen und Risiken richten und zur Minderung derselben müssen geeignete Massnahmen gefunden werden.

Das Projektteam gelangte zur Auffassung, dass die Realisierung eines Dritten Orts als „Big Bang“ (neue Bibliothek an einem neuen Standort) mit zu vielen Unbekannten und Risiken behaftet und zum heutigen Zeitpunkt eher unrealistisch – und wahrscheinlich auch unnötig – ist.
 
Hingegen scheint die Variante einer schrittweisen Realisierung eines Dritten Orts mit Optimierungsmassnahmen am heutigen Ort machbar und sinnvoll. Als Optimierungsmassnahmen müsste sicher die räumliche Situation überprüft und mit Hilfe eines „Zonenkonzepts“ verbessert werden. Das Element „Begegnung“ lässt sich mit den bereits stattfindenden Veranstaltungen noch weiter ausbauen.
 
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Ein solcher Ausbau könnte themenspezifisch (gesellschaftliche Entwicklung, technologische Innovationen, Arbeitswelt, Familie usw.), auf Kundensegmente (Stadt und Land, Mütter/Väter, ältere Generation, Jugend, MuKi-Lesen usw.) ausgerichtet oder auch nach zeitlichen Kriterien (Morgentreff, Abendforum, Zvieri-Ecke usw.) vorgenommen werden.
 
Um einen Beitrag an einen Dritten Ort zu leisten, ist die Kontinuität von grosser Bedeutung. Aufgrund der Erkenntnisse aus der Analyse und abgestimmt auf die Ergebnisse der andern Projekte könnte die zukünftige Ausrichtung der Stadtbibliothek weiter konkretisiert werden.
 
Clemens Moser
Direktor Stadtbibliothek Biel
 
Weitere Artikel von Clemens Moser
Ausgehend von den Erfahrungen aus dem Strategieprozess der Stadtbibliothek Biel hat Clemens Moser bereits den Artikel „move it! oder Eine Bibliothek macht sich fit für die Zukunft“ sowie den Leitfaden „Eine Bibliotheksstrategie erarbeiten – Wie dabei vorzugehen ist“ erarbeitet. 
 

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